Baja California: Auf Hautfühlung mit den Giganten der Meere

Text: Herdis Lüke
Fotos: Christian Heeb

Grauwale in der Lagune San Ignacio: Jeden Winter treten sie ihre lange Reise von Alaska in die warmen Gewässer in Baja California an:  Hier paaren sie sich und bringen ihre Jungen zur Welt. Im März/April treten sie ihre lange Rückreise an. Mit dem amerikanischen Veranstalter Baja Expeditions waren wir von einem Camp an der Lagune bei den Giganten der Meere – ein unvergessliches Erlebnis!

Ausgangspunkt unserer Expedition ist die hübsche Stadt Mulegé an der Bahía Concepción am Golf von Baja California. Drei Tage haben wir Zeit, im traumhaften, ökologisch ausgerichteten Orchard Vacation Village noch einmal richtig „abzuhängen“, am Pool zu dösen oder an den schönen Stränden entlang zu spazieren. Mulegé liegt an einem Fluss – unter den Dattelpalmen am Ufer lässt es sich wunderbar flanieren.

Mission Mulege

Mission Mulege

Unsere Expedition übertrifft alle Erwartungen: Mit einem wie ein amerikanischer Schulbus gelb leuchtenden Bus, der eigens für schwierige Wege ausgerüstet ist und der eine Camping-Ausrüstung fast für ein ganzes Dorf auf dem Dach trägt, geht es früh morgens zunächst über Santa Rosalia und San Ignacio über die imposante Bergwelt in die Sandwüste mit ihren imposante Kakteen am Rand des Nationalparks Desierto de Vizcaíno.

Rund 200 anstrengende Kilometer haben wir zurückgelegt, bis wir die berühmte Lagune erreichen. Schnell sind wir mit unseren Mitreisenden in Kontakt gekommen, darunter Naturwissenschaftler aus den USA und ganz normale „Touris“ wie wir. John, der Wissenschaftler, unterhält den ganzen Bus mit seinen Ausführungen über die Flora und Fauna der Wüste. Wir können aber gar nicht erwarten, zu den Walen zu kommen. Vom Ufer können wir nur ganz wenige sehen, wie sie Wasserfontänen in die Luft spritzen. Inzwischen haben die guten Geister von Baja Expeditions die komfortablen Zelte aufgebaut und uns ins „Speise-Zelt“ geladen. Wir kommen uns vor wie Pioniere auf großer Entdeckungsreise.

Baja California

Kakteenwüste in der Dämmerung

Lagerfeuer Camp

Lagerfeuer im Camp

Auf rund 26 000 Tiere wird der Grauwalbestand geschätzt. Im Dezember verlassen die Meeressäuger ihre angestammten Nahrungsgebiete in Alaska und in der Bering-See, um sich in Baja California zu paaren und nach 13 Monaten hier auch ihre Jungen zur Welt zu bringen. Im März machen sich die bis zu 25 Tonnen schweren und 15 Meter langen Tiere wieder auf den Rückweg in den Norden. 16 000 Kilometer legen sie bei ihren jährlichen Wanderungen zurück, erklärt unser Guide beim genütlichen Essen.

Am nächsten Morgen geht es endlich raus. Mit einem kleinen Boot fahren wir weit in die Lagune hinein. Es dauert ein ganzes Weilchen, bis die Grauwale zu sehen sind. Erst sind es nur ein paar, die um unser Boot herumschwimmen oder einfach uns begleiten. Aber dann werden es immer mehr. Riesige, meterlange und tonnenschwere Leiber nähern sich unserem Boot, reiben ihre Körper daran, stoßen es an, werden übermütig und tauchen auf: Unglaublich! Manche kommen so nah, dass man sie sogar streicheln kann. Besonders neugierig sind die die Kälber. Ein Junges taucht unter und an anderer Stelle wieder auf, schwimmt unters Boot durch, versetzt ihm einen sanften Stoß und verschwindet wieder – als wollte es mit uns Versteck spielen. Elegant schwingen sie sich aus dem Wasser, stoßen in langen Fontänen das Wasser aus ihrer Lunge, um dann im Bogen wieder aufs Wasser zu klatschen und unterzutauchen, dass man gerade noch eine dunkle Schwanzflosse sieht, die sich durch die Luft schwingt. Trotz ihrer Größe sind sie unglaublich sanft.

Grauwal

Ungewöhnlich sanft: Ein Grauwal

Walbeobachtung Baja California

Wale Baja California

Er erzählt uns, dass die Wale es lieben, wenn man mit Wasser spritzt. Ein Signal! Fast bringen wir das Boot zum Kentern, als wir uns auf einer Seite zum Wasser beugen und mit unseren Händen wie einst als Kinder im Schwimmbad wild mit Wasser um uns spritzen. Als hätten sie auf das Kommando gewartet, umschwärmen uns unzählige Wale, so viele, dass das Wasser ganz dunkel wird. Es ist schwer, Fotos zu machen! Alles ist in Bewegung. Für die sensiblen Tiere kann der Waltourismus eine große Belastung darstellen, denn sie haben in der Lagune kaum Ausweichmöglichkeiten. Deshalb sollte eine Walbeobachtungstour auch nur mit ausgewiesenen Experten unternommen werden. Teile der Bahía Sebastián Vizcaíno, an der die ruhigen Lagunen Gewässer mit den Brutrevieren der Wale liegen, hat die Unesco zum Weltnaturerbe der Menschheit erklärt. In einigen Lagunen ist auch der Bootsverkehr zu ihnen eingeschränkt. Das zweite große Brut- und Aufzuchtsrevier der Grauwale liegt weiter südlich in der Bahía Magdalena.

Keine Frage, uns hat das Walfieber gemacht. Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, wie gerne wären wir auch in der Cortéz-See zu den Blauwalen gefahren. Aber irgendwann muss jede schöne Reise zu Ende gehen. (Aus dem Buch “Zeit für Mexiko”, von Christian und Regula Heeb, Susanne Asal und Herdis Lüke, Bucher-Verlag, 2005, ISBN-10: 3765814911, ISBN-13: 978-3765814914)

Über Herdis

Die deutsche Journalistin und Autorin Herdis Lüke hat Mexiko zu ihrer Wahlheimat gemacht. Das erste Mal lebte sie bereits von 1974 bis 1976 und von 1978 bis 1986 in Mexiko. Auch während ihrer 20 Jahre als Journalistin in Hamburg hat sie Mexiko immer wieder besucht und darüber geschrieben - als Autorin u. a. in den Mexiko-Travelnews. Seit 2006 lebt sie wieder permanent in Mexiko.