Adiós Acapulco: Tianguis Turístico geht künftig auf Tournee

Von Herdis Lüke
Mexiko-Stadt, 30. März (MTN) – Mexikos traditionelle Tourismusmesse Tianguis Turístico hat gerade am Montag an ihrem traditionellen Standort in Acapulco ihre Pforten geschlossen. Zwei Tage später ließ die mexikanische Tourismusministerin Gloria Guevara Manzo, die Bombe platzen: In Zukunft werde der Tianguis alternierend an anderen touristischen Standorten Mexikos über die Bühne gehen. Adiós Acapulco.
Die Entscheidung wird von der gesamten Tourismusbranche in Mexiko begrüßt, in Acapulco dagegen herrscht, wie nicht anders zu erwarten, blankes Entsetzen. Ein Aufschrei der Entrüstung schallt von der Pazifikküste ins ganze Land. Aber vielleicht – oder hoffentlich – hilft dieser Donnerschlag Acapulco, endlich zu erwachen und etwas zu tun, um wieder das zu werden, was es einmal war.

Blick auf La Roqueta in der Bucht von Acapulco. Foto: Herdis Lüke

Blick auf La Roqueta in der Bucht von Acapulco. Foto: Herdis Lüke

Blick von Las Brisas auf Acapulco. Foto: Herdis Lüke

Blick von Las Brisas auf Acapulco. Foto: Herdis Lüke

36 Jahre lang war Acapulco, der einst so traumhaft schöne und mondäne Badeort an der Pazifikküste Mexikos, der Standort der Messe und das Schaufenster der mexikanischen Tourismusbranche, in das einmal im Jahr, immer im Frühling, die Welt schaute. Reiseveranstalter, Reisebüros und Einkäufer sowie Journalisten aus aller Welt strömten nach Acapulco, um sich hier über die neuesten Produkte der Branche, über neue Destinationen und Routen zu informieren – und zu feiern. Die Partys der Veranstalter in den von reichen und teilweise prominenten Besitzern für die Events angemieteten Traumvillen waren legendär.

In einem Brief an Präsident Felipe Calderón forderte der Tourismusminister von Guerrero und die Tourismusminudstrie von Acapulco, den Tianguis in Acapulco und die Acapulqueños nicht im Stich zu lassen. “Acapulco ist die Wiege und der Impulsgeber des Tourismus in Mexiko gewesen; Acapulco hat das Bild unseres Landes in der Welt repräsentiert; der Tianguis wurde von und für Acapulco entworfen und es ist ungerecht, wenn jetzt, im Jahr des Tourismus und wo unsere Destination Unterstützung braucht, ihre
Regierung diese zurückzieht”, heißt es in dem Brief, der von den Bürgermeistern von Acapulco, Taxco und Ixtapa-Zihuatanejo – die das so genannte Dreieck der Sonne (Triángulo del Sol) bilden – und vom Toruismusminister von Guerrero, Ernesto Rodríguez Escalona, unterschrieben wurde.

Blick auf die Bucht Puerto Marquez

Blick auf die Bucht Puerto Marquez. Foto: Herdis Lüke

Blick Richtung la Quebrada und Pie de la Cuesta. Foto: Herdis Lüke

Blick Richtung la Quebrada und Pie de la Cuesta. Foto: Herdis Lüke

Doch nicht erst die Schweinegrippe von vor zwei Jahren und die Wirtschaftskrise haben Acapulco den Garaus gemacht. Das veraltete Centro de Convenciones, entstanden in den 1970er Jahren, entsprach längst nicht mehr den Bedürfnissen einer stetig wachsenden Branche. Immer mehr Regionen und Städte wurden touristisch erschlossen – es wurde enger und enger. Ein in der Zona Diamante im Norden von Acapulco errichtetes elegantes Veranstaltungszentrum bot, weil nicht groß genug, auch keine wirkliche Alternative.

Zwar erklärte die Tourismusministerin, dass die Entscheidung, mit dem Tianguis aus Acapulco fortzugehen, nichts mit der brisanten Sicherheitslage in Acapulco zu tun habe. Seit längerem schon hätten die Bundesregierung und das Tourismusministerium sowie zahlreiche Bundesstaaten Mexikos sowie nationale und internationale Touristiker gefordert, den Tianguis aus Acapulco abzuziehen und nach einer Alterative zu suchen. Aber was sollte sie auch anderes sagen? Zumindest offiziell kann sie als Tourismusministerin nichts gegen den traditionellen Badeort sagen.

Dabei liegen die Sicherheitsgründe auf der Hand. Erst am Sonnabend, dem ersten aktiven Messetag, war es abends am Küstenboulevard Costera Miguel Alemán zwischen Zócalo und Caleta auf der Höhe des eleganten Yacht-Clubs zu einer Schießerei zwischen Polizei und Mitgliedern der Organisierten Kriminalität gekommen. Zu dem Zeitpunkt feierten im Yacht-Club und im nahen Boutique-Hotel Boca Chica in Caleta Tianguis-Aussteller mit ihren Gästen ihre Empfänge sprich Partys. Stundenlang wurden sie hier festgehalten, bevor die Polizei den Küstenboulevard wieder freigegeben hatte.

Acapulco ist seit mehreren Jahren bereits Schauplatz rivalisierender Drogenkartelle und Banden, die hier ihre Machtkämpfe blutig austragen. Auch Zivilisten sind bei Schießereien auf der Costera ums Leben gekommen – letztes Jahr, wenige Tage vor dem Tianguis, eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern, an einem der belebtesten Abschnitte und am helllichten Tag. In den letzten Wochen wurden immer wieder Taxifahrer in ihren Fahrzeugen erschossen, ein Passagier kam dabei auch ums Leben. Acapulco ist – ob man das nun eahrhaben will oder nicht – kein Ort, in dem man entspannt Urlaub machen kann. Es sei denn, man verschanzt sich in einem Luxushotel oder einer Luxusvilla. Die Diskos an der Vergnügungsmeile entlang des Condesa-Strandes gehören der Familie des derzeitigen Tourismusministers des Bundesstaats Guerrero, zu dem Acapulco gehört.

Statt Palmdachhütten Plastikzelte. Foto: Herdis Lüke

Statt Palmdachhütten Plastikzelte. Foto: Herdis Lüke

Kreuzfahrtschiff vor Las Brisas. Foto: Herdis Lüke

Kreuzfahrtschiff vor Las Brisas. Foto: Herdis Lüke

„Rede gut von Acapulco“ heißt es auf großen Plakaten, die entlang des Küstenboulevards hängen. Dabei schütteln viele nur den Kopf: Als ob Acapulcos Probleme dadurch verschwinden, indem man das Schlechte verschweigt und nur Gutes über den Badeort redet.

Acapulco hat aber auch in vielerlei anderer Hinsicht seine Hausaufgaben nicht gemacht. Als andere Badeorte in Mexiko entstanden – wie Cancún, Playa del Carmen, Akumal und Puerto Morelos an der Karibikküste, Ixtapa und Huatulco an der Pazifikküste, um nur wenige Beispiele zu nennen – ruhte sich Acapulco auf seinen Lorbeeren als mondäner Jet-Set-Magnet aus und tat nichts, um seinen Gästen wirklich Neues zu bieten oder attraktiver zu werden und sich mit der Konkurrenz zu messen. Das Gegenteil war der Fall.

Die Bucht, die als eine der schönsten der Welt gilt, wurde vollgebaut mit überwiegend hässlichen Hotelburgen. Die für Acapulco typischen „palapas“, wie die Sonnenschirme aus Palmblättern heißen, wurden ersetzt durch potthässliche Zelte und Schirme aus Segelstoff – nur ganz vereinzelt sieht man die alten Palapas noch und die traditionellen Holzstühle, die halb Stuhl halb Liege sind. Stattdessen Stühle und Tische aus Plastik. Und dann der Müll. Überall schmeißen die Menschen ihren Müll ab, in Flussbetten, Straßengräben, Straßen, die von der Costera abgehen. Und je mehr man sich ins nicht touristische Acapulco begibt, desto mehr stößt man auf Tristesse: heruntergekommene Häuser, dreckige Fassaden, kaputte Straßen, und Müll, an jeder Ecke. Am schlimmsten in Caleta.

Da nützte es wenig, dass vor den Toren Acapulcos mit der Zona Diamante entlang des Revolcadero-Strands eine superelegante touristische Zone entstanden ist, mit Luxushotels und schicken Eigentumswohnungen in sagenhaften Poollandschaften, mit Einkaufszentren, Veranstaltungsarena, Gourmet-Restaurants, Golf- und Tennisplätzen. Das alte Acapulco ist hier im wahrsten Sinne des Wortes außen vorgeblieben. Die Zona Diamante aber ist austauschbar – genau so gut kann man nach Ixtapa oder Huatulco oder Cancún oder, oder, oder reisen.

Die Acapulqueños schimpfen auf ihre jeweiligen Regierungen – und das durchaus zurecht. Korruption, Vetternwirtschaft, Machtmissbrauch haben sicher mit dazu beigetragen, dass Acapulco ein Eldorado für die Organisierte Kriminalität geworden ist. Aber für viele Probleme tragen die Acapulqueños selbst die Verantwortung. Zum Beispiel für den Müll, für die Plastikmöbel am Strand (für die Sonnenschirme bekommen die Betreiber von der Stadtregierung sogar einen Zuschuss!). Sie könnten also etwas ändern, wenn sie bereit wären, selbst etwas zu investieren oder einfach den Müll da entsorgten, wo er hingehört. Die klassische Antwort der Taxifahrer, wenn man sie darauf anspricht: „Wir haben hier keine Erziehung (No tenemos educación).“ Und auch daran “ist die Regierung schuld”.

Die Lagune Coyuca in Pie de la Cuesta. Foto: Herdis Lüke

Die Lagune Coyuca in Pie de la Cuesta. Foto: Herdis Lüke

Sonnenuntergang in Pie de la  Cuesta. Foto: Herdis Lüke

Sonnenuntergang in Pie de la Cuesta. Foto: Herdis Lüke

Dabei leben in Acapulco viele engagierte Bürger, darunter der Bildhauer Pal Kepenyes und seine Frau Lumi, ehemalige Diplomaten, Intellektuelle und Künstler. Sie organisieren sich in Gruppen, machen Eingaben und jede Menge Vorschläge, wie etwas verbessert werden könnte – alles versandet buchstäblich. Es gibt Leute, die felsenfest davon überzeugt sind, dass es die vielen (Un)Toten seien, die den Acapulqueños die Energie raubten, irgend etwas zu ändern und sie deshalb so lethargisch ihr Schicksal erduldeten. Sie beziehen sich auf Hurrikan Paulina, der hier in den 90er Jahren tausende Menschen in den Tod riss. Die Costera war in Höhe des Papagayo-Parks unter die Erde unter den Meeresspiegel verlegt worden. In dem Tunnel kamen zahlreiche Menschen um, als sie in ihren Autos von den Fluten eingeholt wurden. Die Toten und ihre Autos wurden nie geborgen. Der Tunnel wurde zugeschütet und heute brausen über ihre Köpfe wieder die Autos. Als ob nie was gewesen wäre. Eher dürfte es aber so sein, dass es den Acapulqueños ziemlich egal ist, wie ihr Umfeld aussieht. Denn sie sind immer vergnügt, lachen immer und feiern wann und wo sie können. Selbst in der ärmsten Hütte. Das mag ein Segen sein, aber es ist auch ein Fluch.

Wer noch etwas vom alten Acapulco genießen möchte, der muss nach Pie de la Cuesta fahren. An der schmalen Landzunge zehn Kilometer südlich von Acapulco, die den offenen Pazifik von einer von Millionen von Kokospalmen gesäumten Süßwasserlagune trennt, gibt es das noch: kilometerlange weiße Sandstrände, Palmdachhütten, Holzstühle und Hängematten, ursprüngliche Restaurants, wo man hervorragend und preiswert essen kann. Keine laute Discobeschallung rund um die Uhr, sondern nur die Brandung und das Rauschen des Windes in den Kokospalmen.

Über Herdis

Die deutsche Journalistin und Autorin Herdis Lüke hat Mexiko zu ihrer Wahlheimat gemacht. Das erste Mal lebte sie bereits von 1974 bis 1976 und von 1978 bis 1986 in Mexiko. Auch während ihrer 20 Jahre als Journalistin in Hamburg hat sie Mexiko immer wieder besucht und darüber geschrieben - als Autorin u. a. in den Mexiko-Travelnews. Seit 2006 lebt sie wieder permanent in Mexiko.