Von Herdis Lüke
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Im katholisch geprägten Mexiko gehört die Karwoche zu den religiösen Höhepunkten des Jahres. Zahlreiche Feste repräsentieren eine Gesellschaft, in der sich etwa 60 verschiedene Kulturen vereinen. Die Leidensgeschichte Christi, seine Gefangennahme und Verurteilung, der Passionsweg, der Tod am Kreuz und schließlich die Auferstehung werden in zahlreichen Aufführungen dargestellt, wobei es nicht selten zu echten rituellen Geißelungen kommt.
Im Stadtteil Iztapalapa von Mexiko-Stadt geht am Karfreitag die größte Osterprozession Mexikos über die Bühne. Dabei wird das Passionspiel aufgeführt und die Leidensstationen von Jesus Christus von Laiendarstellern nachgespielt. Mehr als zwei Millionen Zuschauer werden zu dem beeindruckenden Spiel erwartet. Auch im Vorort Cuajimalpa wird der Kreuzgang jährlich aufgeführt und ist eine gute Alternative, wenn man dem Trubel in Iztapalapa aus dem Weg gehen, aber das Spektakel trotzdem erleben möchte.
Der Marsch des Schweigens in San Luis Potosí
In San Luis Potosí ist die Karwoche ein gesellschaftliches, kulturelles, religiöses und touristisches Ereignis. Berühmt ist die Prozession des Schweigens (Marcha del Silencio) in der Karfreitagnacht, bei der tausende Bürger in absolutem Schweigen durch die Stadt ziehen – dieser kollektive Weg des Leidens ist eines der faszinierendsten religiösen Rituale in der mexikanischen Osterzeit.
In der Bergbaustadt Guanajuato feiert man das Fest der “Heiligen Jungfrau der Schmerzen” (Virgen de Dolores). An diesem Tag bieten Blumenhändler bereits in den frühen Morgenstunden ihre Waren an, damit alle bedeutenden Gebäude der Stadt und die davor eingerichteten Altäre geschmückt werden können. Der traditionelle Blumenmarkt (Feria de las Flores) endet mit einem gemeinsamen Frühstück von Käufern und Verkäufern.
In Taxco (Guerrero) finden am Karfreitag beeindruckende Prozessionen mit Heiligenbildern statt, die von büßenden Gläubigen getragen werden. Dabei verbergen sich die Teilnehmer unter Kapuzen. In Metztitlán (Hidalgo) bietet die alte Kirche mit ihrem Kloster aus dem 16. Jahrhundert der Karfreitagsprozession einen mystischen Schauplatz. Die Gläubigen, verborgen unter Kapuzen und schwarzen Tuniken, pilgern durch die Straßen und tragen von Kerzen beleuchtete Heiligenbilder.
In Capulhuac (Estado de México) wird die Passion vor der alten Kirche mit Heiligenbildern und traditionellen Skulpturen dargestellt. In Lagos de Moreno in Zentralmexiko im Bundesstaat Jalisco spielen die Bewohner der kleinen Gemeinda Maya die Leidensgeschichte Christi nach. Eindrucksvoll an der Prozession von Ciudad Hidalgo (Michoacán) ist die Verbrennung des Judas-Bildnisses inmitten eines gewaltigen, ohrenbetäubenden Feuerwerks. In Coatlán del Río (Morelos) präsentieren die Bewohner die Leidensgeschichte auf dem Platz vor der Kolonialkirche. In der Prozession am Karfreitag tragen die Büßer – in schwarze Gewänder gehüllt – auf ihren bloßen Schultern dornige Zweige.
Rituelle Tänze in Papantla
Die Feierlichkeiten von Papantla (Veracruz) sind ob ihrer beeindruckenden und nicht immer ungefährlichen Tanzdarbietungen bekannt. Die rituellen Tänze symbolisieren den Leidensweg Christi. Auch in zahlreichen Ortschaften von Puebla (Acatzingo, Ahuazotepec, Ahuahuetitla, Atlixco, Atzitzintla oder Cátela) gibt es religiöse Feiern, Feuerwerke und Volkstänze. In Santa Bárbara Almoloya legt jede Familie einen Teppich aus Blumen und bunten Sagespänen vor ihren Haustüren an.
Am Gründonnerstag führen die Bewohner des Ortes Jala (Nayarit) die Höhepunkte aus der Leidensgeschichte auf: das letzte Abendmahl, die Gefangennahme und die Kreuzigung. Dazu kommen auch die Gläubigen aus den umliegenden Dörfern, die ihre eigenen Darstellungen, Kirchenfahnen und Blumengebinde mitbringen. Der Markt von Pinotepa Nacional (Oaxaca) ist für die Region das wichtigste Ereignis des Jahres. Die Menschen aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen kommen in ihren bunten Trachten, die sie zur Prozession am Karfreitag gegen weiße Leichentücher austauschen. Auf ihren Schultern tragen die meisten Teilnehmer ein riesiges Kreuz.
In Cocorit (Sonora) feiern die meisten Bewohner, die von den Yaquis-Indianern abstammen, die Karwoche mit unterschiedlichen Veranstaltungen, die teilweise prähispanische Elemente in die Zeremonien integrieren und damit ein lebendes Beispiel für den religiösen Synkretismus in Mexiko sind. Sehenswert sind die überlieferten Tänze der Matachines und Pascolas sowie der einzigartige Rotwild-Tanz. (hl)


