Von Kirsten Liliane López Lüke*
Bis heute übt das Ballspiel auf das mexikanische Volk eine besondere Faszination aus – ob American Football, Soccer, Volley- oder Basketball. Und wie überall in der Welt des Sports geht es um Wettstreit, Rekorde, um Ruhm und viel Geld. In Mexiko jedoch hat das Ballspiel eine tiefe Wurzel. In der Antike ging es zwar ebenfalls um Ruhm und Wettbewerb, allerdings mit dem Hintergrund, dass die Teilnehmer der Olympischen Spiele ihren Göttern so gleich und so nah wie möglich sein wollten. In Mesoamerika ging es um weit aus mehr. Es ging eben nicht darum, immer höher, schneller und weiter zu kommen.
Bei den Maya ging es um die letzte, endgültige Erschaffung des Menschen, um den Kampf zwischen Gut und Böse, um die Fruchtbarkeit der Erde, Leben und Tod: den Kreislauf des Lebens. Die zum Teil gigantischen Ballspielplätze in den Pyramidenanlagen von Chichén Itzá – allein hier gibt es neun – und die zahlreichen Reliefs zeugen davon. Bis heute allerdings ist nicht enträtselt, welches Schicksal die Besiegten oder Sieger ereilte. Wurden sie geopfert? Wurden sie Könige?
Im Popol Vuh wird der Mythos, die Bedeutung des Ballspiels beschrieben: Danach waren die Zwillinge Hun Hunahpu und Vukup Hunahpu begeisterte und außerordentlich gute Ballspieler. Sie spielten den ganzen Tag. Der Krach störte die Herren von Xibalba (der Unterwelt). Deshalb entsandten sie Boten zu den Brüdern, um sie nach Xibalba zu zitieren. Die Boten der Unterwelt, in der Maya-Ikonographie durch Eulen dargestellt, kamen geradewegs über den Ballspielplatz zu den Zwillingen und teilten ihnen mit, die Herren von Xibalba, Hun Came und Vukub Came, wollten mit ihnen eine Partie Ball spielen.
Die beiden Brüder erklärten sich bereit, versteckten aber vorher noch den Ball und andere Teile ihrer Ausrüstung unter dem Dach im Haus ihrer Mutter. Auf den Weg zur Unterwelt und in Xibalba mussten die Zwillinge viele Prüfungen und Tricks bestehen. Eine der Prüfungen bestanden sie jedoch nicht und wurden deshalb geopfert. Der Körper Hun Hunahpus wurde zusammen mit dem seines Bruders unter dem Ballspielplatz begraben, sein Kopf aber wurde an einen toten Kalabassen-Baum gehängt, der sofort anfing Früchte zu tragen.
Trotz des Verbotes, dem Baum nicht in die Nähe zu kommen, ging die Tochter eines der Herren der Unterwelt hin. Sobald Ixquic nahe genug war, spuckte ihr der Schädel Hun Hunahpus in die Hand. Darauf hin wurde Ixquic von ihm schwanger. Aus Angst getötet zu werden, flüchtete sie in die Mittelwelt zur Mutter der Zwillinge. Hier aber musste sie erst beweisen, dass sie die Wahrheit sagte, indem sie aus einer einzigen Maispflanze ein ganzes Netz voll Mais brachte.
Ixquic gebar zwei Söhne: Die Heldenzwillinge Hunahpu und Ixbalanque, die, nachdem sie ihre gemeinen Halbbrüder aus dem Weg geräumt und ihre Großmutter ausgetrickst hatten, an die Ballspielausrüstung ihres Vaters und Onkels gelangten. Hunahpu und Ixbalanque spielten genau so leidenschaftlich das Ballspiel wie ihr Vater. Wieder fühlten sich die Herren von Xibalba gestört und zitierten die Zwillinge zu sich. Im Gegensatz aber zu ihrem Vater und Onkel, ließen sich die Heldenzwillinge nicht austricksen, und so spielten sie verschiedene Male mit den Herren von Xibalba. Als die Zwillinge aber eines nachts in einer Höhle schliefen, steckte Hunahpuden Kopf aus einem Blasrohr, worauf hin ihm der Kopf von einer riesigen Fledermaus abgerissen wurde.
Ixbalanque ersetzt den Kopf seines Bruders durch einen Kürbis und feilscht einen Plan mit einem Kaninchen aus, der die Herren der Unterwelt täuschen soll. Beim Ballspiel dient Hunahpus Kopf als Ersatz für den Gummiball. Als Ixbalanque den Ball zu fassen bekommt, schleudert er ihn weit weg: Das in den Büschen versteckte Kaninchen springt auf. Die Herren der Unterwelt fallen auf den Trick herein und rennen hinter dem Kaninchen her. Derweil tauscht Ixbalanque den Kürbis mit dem Kopf seines Bruders. Er zerschmettert sofort den Kürbis, wobei sich die Samen auf dem Spielfeld verteilten. Damit waren die Herren der Unterwelt besiegt. Dennoch ergaben sich die Heldenzwillinge freiwillig, denn sie wussten, dass sie wiedergeboren werden würden. Nach ihrem Tod zerrieb man ihre Knochen, genau so wie man den Mais zerrieb, und streute sie in den Fluss. Zunächst wurden sie zu Fischen. Am fünften Tag kamen sie als Bettler und Zauberer verkleidet zurück. Sie führten den Herren der Unterwelt vor, wie sie sich getötet und gleich wieder zum Leben erweckt hatten. Diese fanden das so beeindruckend, dass sie die Heldenzwillinge aufforderten, gleich den Beweis zu liefern, indem sie einen Menschen opferten.
Sie schnitten die Brust des Menschen auf, rissen dessen Herz heraus und hielten es in die Höhe und erweckten ihn damit wieder zum Leben.
Den Herren von Xibalba genügte das nicht als Beweis. Nun befahlen sie, die selbe Prozedur auch mit ihnen zu machen. Das taten Hunahpu und Ixbalanque auch – nur erweckten sie sie nicht wieder zum Leben. Damit war das Ende der Herren der Unterwelt besiegelt.
Als Hunahpu und Ixbalanque ihr Werk getan hatten, beerdigten sie ihre Väter, die zu Maisgöttern wurden. Die Heldenzwillinge aber stiegen in den Himmel auf und wurden der eine zu Sonne, der andere zum Mond.
Kreislauf des Lebens
Beim Ballspiel spielten die Mayas dieses Spiel. Sie ahmten dabei den Kreislauf des Lebens nach: Ein ständiges Leben und Sterben, Untergehen und Auferstehen, Macht und Herrschaftsanspruch. Vor allem in den zentralen Tiefländern finden wir Reliefs, in denen ein Gefangener in Form eines Balles die Treppe eines Ballspielplatzes runter rollt. Nicht selten ist dieser Gefangener ein bedeutender König einer anderen Stätte gewesen, der durch einen König besiegt und (wenn auch für die Götter) geopfert wurde. Das mesoamerikanische Ballspiel steht in einer religiös-astralen Weltsicht. Es symbolisiert den Kreislauf des Lebens.
Die Spieler
Die Spieler waren mit Lendenschurz oder Rock, Brust- beziehungsweise Hüftschutz, der so genannten yugo (Joch) aus Leder oder Gummi ausgerüstet. In der Ikonographie wird dieser auch aus Stein dargestellt. Der Palma, ein länglicher Stab aus Stein, wurde wahrscheinlich zu Hilfe genommen, um den Ball zu fangen oder ins Spiel zu werfen. Ausgestattet waren die Spieler auch mit einer Hacha, einem kleinem am Gürtel befestigten Steinkopf, Knieschützern (meistens in Form eines Gesichtes) und oft auch Ellenbogenschützern oder einem Armschutz, der aussieht wie ein Stoff- beziehungsweise Fellärmel, eventuell Handschuhen, Kopfschmuck, der aber vermutlich nicht während des Spieles getragen wurde, und einem Gummiball, der im Durchschnitt zehn bis 30 Zentimetern groß war.
In der Ikonographie wird ein Gefangener manchmal als Ball oder im Ball dargestellt. Das hat aber nicht notwendigerweise zu bedeuten, dass mit einem lebendem Menschen gespielt wurde. Diese Darstellung kann auch ein Hinweis auf ein Ritual sein, das vor oder nach dem Spiel abgehalten wurde.
Die Ausrüstung war offenbar Eigentum eines jeden Spielers und variierte je nach Region und Spielweise. Die Spieler selbst kamen aus jeder Bevölkerungsgruppe. Das heißt aber nicht, dass jeder bei dem religiösem Spektakel mitmachen durfte.
Meistens sehen wir in der Ikonographie nur Könige oder professionelle Spieler abgebildet. In manchen Fällen spielt ein König gegen einen Gefangenen, was an die römischen Gladiatoren-Spiele erinnert. Es kam wohl vor, dass knapp ausgerüstete Gefangene gegen sehr gut ausgestattete Könige gewannen. Verloren sie, hatten sie entweder ihre Ehre verteidigen und bewahren dürfen oder aber sie wurden gedemütigt.
Auch die Anzahl der Spieler ist nach Region und Spielart unterschiedlich: Zwischen zwei und acht Spieler standen im Feld, wobei bei den Maya oft nur zwei bis vier in der Ikonographie zu sehen sind.
Die Ballspielplätze liegen häufig im religiösen Zentrum einer Stadt, deren Größe den Abbildungen nicht zu entnehmen ist. Häufig ist nur eine Treppe zu erkennen, von der meistens ein Ball hinunter rollt. Das lässt darauf schließen, dass ein Ballspielplatz nicht nur gerade Wände gehabt haben muss, wie das z. B. in Chichén Itzá der Fall ist.
Spielregeln
Über die Regeln gibt es nur Vermutungen. Aus den Abbildungen geht hervor, dass die Spieler nur mit bestimmten Körperteilen spielen durften, worauf die Ausrüstung und die Darstellungen von Spielern in besonderen Posen schließen lassen. Der Ball ist so gut wie nie auf dem Boden zu sehen: Er ist entweder in der Luft oder wird von einem Spieler gespielt, indem er ihn mit der Hüfte oder mit dem Arm abprallt. Der Ball durfte offensichtlich nicht auf dem Boden aufschlagen.
Die Ringe an den Seiten der Spielwände deuten darauf hin, dass der Ball durch diese geschlagen werden musste. Diese Ringe stellen häufig die gefiederte Schlange (Kukulkán), ein Symbol der Fruchtbarkeit, dar.
Die Bedeutung der Markiersteine auf den Ballspielplätzen ist noch nicht eindeutig geklärt. Sie zeigen aber interessante Bilder: Mal sind es Götter, mal die Heldenzwillinge oder aber auch Tiere. Die Abbildungen und die Glyphen können nach Meinung der Maya-Forscher auch ein Hinweis darauf sein, dass hier das Tor zur Unterwelt war.
So findet sich in der Ikonographie immer wieder der Mythos mit seinen verschiedenen Elementen: die Heldenzwillinge und der Konflikt zwischen Gut (Zwillinge) und Böse(Herren von Xibalba), Pflanzen (Mais) oder Pflanzenranken, ein Symbol der Maisgötter sowie der Fruchtbarkeit (Hun Hunahpus Blut und Speichel; Ixquic und der Netzrock des Maisgottes); der von den Zwillingen aufgehängte Ball, den sie als Beweis dafür zurückgelassen hatten, dass sie wiederkehren würden, die Enthauptung von Hun Hunahpu, dessen Kopf als Warnung an einen Baum gehängt wird; Fische am Rücken oder am Kopfschmuck der Spieler (Hunahpu und Ixbalanque, die Heldenzwillinge, wurden zuerst als Fischwesen wiedergeboren).
Sieg und Niederlage
Es ist nicht bekannt, ab wann ein Spieler oder eine Mannschaft gewonnen hatte, da die Punktezählung nicht bekannt ist. Aus der Ikonographie geht dies nicht hervor. Die einen behaupten, dass der Verlierer, die anderen, dass der Gewinner geopfert wurde.Als glaubwürdig gilt eher die These, dass der Sieger geopfert wurde. Dies entspräche schließlich dem Mythos, demnach die Heldenzwillinge sich selbst opfern, um wiedergeboren zu werden. Sie müssen sich mehrmals dem Tod stellen, um schließlich als Sonne und Mond aufzusteigen.
Der Tod ist dem zufolge nicht das Ende, sondern eher ein Übergang in eine andere Welt beziehungsweise in den Himmel.
*Autorin Kirsten Liliane López Lüke ist Altamerikanistin und hat sich eingehend mit dem Mythos des Ballspiels bei den Maya befasst. Sie lebt als lizensierte Reiseführerin in Mexico City.
Literaturverzeichnis:
Colas, Pierre R. und Alexander Voß
Spiel auf Leben und Tod – Das Ballspiel der Maya. In: Grube, Nikolai (Hrsg.),
Maya – Gottkönige im Regenwald; Könnemann Verlagsgesellschaft mbH, Köln (2000)
Cordan, Wolfgang
Mexiko – Land der hundert Gesichter; Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main (1967)
De la Garca, Mercedes
Die Maya – 3000 Jahre Zivilisation; Monclem Ediciones, Mexico, D.F. (1995)
Freidel, David, Linda Shele und Joy Parker Maya Cosmos (1993)
Girard, Rafael
Die Ewigen Mayas; Emil Vollmer Verlag, Wiesbaden
Linden, Heidi
Das Ballspiel in Kult und Mythologie der Mesoamerikanischen Völker
Weidmann Verlag, Hildesheim (1993)
National Geographic Society – Verschiedene Autoren
Versunkene Reiche der Maya; Weltbild Verlag GmbH, Augsburg (1998)
Raesfeld, Lydia
Die Ballspielplätze in El Tajín, Mexiko; Lit Verlag, Münster, Hamburg
Hrsg. Ulrich Köhler,
Institut für Völkerkunde der Albert-Ludwiga-Universität, Freiburg (1992)
Seler, Eduard (Übersetzer)
Popol Vuh, Herausgeber: Walter Lehmann; Gebr. Mann Verlag, Berlin (1975)
* Kirsten L. López Lüke ist Deutsch-Mexikanerin, Mesoamerikanistin und erfahrene Reiseführerin in Mexiko mit Lizenz des Mex. Tourismusministeriums. Gebucht werden kann sie über einschlägige Reisebüros oder direkt per Mail über Magisches Mexiko.






