Foto oben: Christian Heeb
Text: Herdis Lüke
Morelia, die Hauptstadt des Bundesstaats Michoacán im zentralen Westen von Mexiko, verspricht ihren Gästen wunderbare Erlebnisse und für alle Sinne; egal ob für’s Auge, für’s Ohr oder den Magen. Die historische Altstadt mit ihren majestätischen Palästen, ehemaligen Klöstern und barrocken Kirchen gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und bezaubert durch ihren Charme. Morelia ist Gastgeber zahlreicher internationaler Festivals und gilt mit seiner Universität als eines der wichtigsten geistigen Zentren Mexikos.
Ihre heutige Schönheit ist nicht ganz original, denn der Reformkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts, bei dem die klerikale Konservative den antikleralen Liberalen unterlag, mündete in die Enteignung der kirchlichen Besitztümer. So wurden Viele Klöster und Kirchen teilweise zerstört oder dem Verfall preisgegeben und erst im 20. Jahrhundert als architektonisch und historisch wertvolle Bauten wieder entdeckt und restauriert. Heute dienen sie vorwiegend kulturellen Zwecken als Museum, wie im Fall des ehemaligen Dominikanerinnen-Klosters Santa Catarina de Senas, oder der Lehre. Das Conservatorio de las Rosas ist die älteste Musikhochschule auf dem amerikanischen Kontinent und genießt auch international einen hervorragenden Ruf.
Auch Morelia wurde einst von Franziskanermönchen 1537 als Mission und nur vier Jahre später als Stadt Valladolid im Auftrag des ersten Vizekönigs von Neuspanien Antonio de Mendoza, gegründet. Zu Ehren ihres Unabhängigkeitshelden José María Morelos, der hier 1765 geboren wurde, wurde Valladolid 1829 in Morelia unbenannt. Ihren Reichtum verdankte die Stadt wohlhabenden spanischen Plantagenbesitzern und Rinder- und Pferdezüchtern der Region, die sich hier ihre Stadtpaläste bauten. Morelia liegt im Herzen eines fruchtbaren Tals nicht weit von Pátzcuaro am Ufer des Río Grande de Morelia.
Dem wirtschaftlichen Aufschwung während des Porfiriats (1876-1911), wie die mehr als drei Jahrzehnte dauernde Diktatur des Präsidenten Porfirio Díaz auch bezeichnet wird, verdankt Morelias Altstadt ihre heutige architektonische Schönheit und majestätischen Charakter. Zahlreiche alte Herrenhäuser erhielten neoklassizistische oder verspielte Jugendstilfassaden. Ein Beispiel dafür ist der Justizpalast (Palacio de Justicia). Ein weiteres sehenswertes Wahrzeichen der Stadt ist der im späten 18. Jahrhundert errichtete Aquädukt im Osten der Altstadt.
Ein Besuch der Museen Morelias ist nicht allein wegen ihrer Ausstellungen interessant, sondern gerade auch wegen ihrer architektonischen Schönheit. Das gilt vor allem für das Regionalmuseum (Museo Regional), das in einem prachtvollen Barockbau Exponate aus vorspanischer und Kolonialzeit zeigt, und das Staatliche Museum (Museo del Estado), von den Einheimischen auch Casa de la Emperatriz (Haus der Kaiserin) genannt. Hier verbrachte die Ehefrau des Kaisers – und ehemaligen Generals – Agustín de Itúrbide, Doña Ana Huarte, ihre Kindheit. Ein optischer und musikalischer Genuss ist die Kathedrale an der Ostseite des von schmucken Arkaden umgebenen Zócalos. Die in Deutschland 1903 gebaute Orgel mit 5400 Pfeifen ist eine der größten der Welt. Berühmte Orgelspieler geben hier regelmäßig Konzerte. Interessant sind die Votivbilder und sehenswert vor allem die wertvollen Gemälde.
Die “blaue Stunde” in Morelia
Ihr ganze Pracht entfaltet die Stadt bei Einbruch der Dämmerung. Ein unbeschreiblicher Himmel in dunklem Lila wölbt sich über der Kathedrale. Ihre barocken Türme strahlen würdevoll in weißem Licht. Es ist die blaue Stunde in Morelia, wenn die Sonne sich vom Tag verabschiedet hat und die Nacht noch nicht ganz hereingebrochen ist. Dann trifft man sich nach Freierabend in den Cafés, schmusende Liebespärchen ziehen sich in die romantischen Parks zurück oder lauschen den Serenaden am Zócalo.
Glauben versetzt bekanntlich Berge, und wer von den älteren Damen noch keinen Ehemann bekommen hat, sollte unbedingt dem Restaurant San Miguelito (Av. Camelinas Ecke Centro Convenciones, Fraccionamiento La Loma) einen Besuch abstatten. In dem Gourmettempel gibt es eine Ecke, die heiratswilligen, sitzen gebliebenen Damen gewidmet ist. Im Rincón de las Solteronas hängen kopfüber nicht weniger als 600 Figuren – die kleinste ist nur wenige Zentimeter groß, die größte fast lebensgroß – des Heiligen San Antonio und warten auf 13 Münzen, damit sie das Wunder vollbringen, den Jungfern (Solteronas) doch noch einen Marido (Ehemann) zu verschaffen. Zahlreiche Fotos von Hochzeiten belegen die Wundertätigkeit des Heiligen.
Zu den Gourmet-Tempeln in Morelia gehört auch das Restaurant “Los Mirasoles” (Av. Madero Pto. 549, Altstadt). Hier tischt Rubí Silva das Beste der Küche Michoacáns auf. Das Restaurant befindet sich in einem alten, herrschaftlichen Haus, in dem die Familie von Rubís Ehemann vor dem Umbau Jahrezehnte lang gelebt hat. Beliebt sind die “Cenadurías”, wo die Bewohner Morelias gerne zu Abend essen. Es gibt sie in jeder Preisklasse. Besonders zu empfehlen ist die Cenaduría Lupita (Säanchez de Tagle 1004, Col. Ventura Puente), die auch in der Altstadt liegt.
Und wer es gerne süß liebt, sollte mal im Museo del Dulce (Av. Madero Oriente 440) vorbeischauen. Hier hat eine Zuckerbäcker-Familie Morelias in kolonialen Mauern eine süße Erlebniswelt geschaffen, in der nicht nur Kinder auf ihre Kosten kommen. Hier können die Besucher sehen, wie Michoacáns Süßigkeiten – dazu gehören vor allem auch verschiedene Schokolade- und Fruchtgeleesorten traditionell hergestellt wurden.
Ein fantastisches musikalisches Erlebnis ist jedes Jahr jeweils im März das Internationale Gitarren-Festival und im November das Internationale Musik-Festival mit Konzerten, Oper, Lesungen und Workshops.







