Piratenstadt Campeche: Spannende Geschichten in alten Mauern

Text und Fotos: Herdis Lüke

Die Kathedrale von Campeche

Die Kathedrale von Campeche.

Campeche, die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates an der Westküste Yucatans am Golf von Mexiko, ist einst von Piraten immer wieder überfallen und ausgeraubt worden. Heute sind es immer noch “Piraten”, die die Stadt heimsuchen, aber nicht auf der Suche nach Schätzen, sondern nach Abenteuern und romantischen Erlebnissen. Vollständig umrahmt von einem imposanten Festungsring, ist die Stadt voll spannender Geschichten und Legenden. Die Campechanos sind berühmt für ihre Freundlichkeit und Heiterkeit, ihre Küche ist besonders vielseitig und das Ambiente in den malerischen Gassen bezaubernd.

Heute werden die Besucher der Stadt als Gäste mit offenen Toren willkommen geheißen. Das war nicht immer so. Vor allem im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Stadt – damals wichtigster Hafen an der Halbinsel Yucatán immer wieder Opfer brutaler brandschatzender Piraten, darunter so berühmt-berüchtigte wie Francis Drake, Henry Morgan, William Parck und Diego el Mulato oder Laurent van Graff. Ende des 17. Jahrhunderts schließlich wurde der Bau der 2,5 Kilometer langen, 2,5 Meter dicken und bis zu 8,5 Meter hohen sechseckigen Festungsmauer mit einer Festung und acht Bastionen in Angriff genommen und erst 1777 fertiggestellt – seitdem ist Campeche nie wieder von Piraten heimgesucht worden.

Gegründet 1540 durch Francisco de Montejo dem Jüngeren (El Mozo) und 1777 durch König Karl III. von Spanien zur Stadt erhoben, steht Campeche heute unter dem Schutz der Unesco als Weltkulturerbe. Die Stadt Campeche ist ideal für Romantiker. Ihre mit Kopfstein gepflasterten engen Gassen werden von schmucken Häusern gesäumt, mit reich verzierten Balkons und weiträumigen Innenhöfen. Die Mauern sind Zeugen unendlich vieler Geschichten und Legenden. Weder Reklame noch Schilder verschandeln das einheitliche, harmonische Bild. Die Altstadt von Campeche zählt mehr als 1 600 koloniale Gebäude, die auch mit Hilfe aus Mitteln des Unesco-Fonds seit 1999 liebevoll restauriert worden sind. Dazu gehört nicht nur das eigentliche Zentrum, sondern auch die Stadtviertel San Román, Guadalupe und San Francisco.

Stadt Campeche

Pastellfarben dominieren in der Altstadt von Campeche.

Der Zocalo von Campeche

Romantisch: Der Zocalo von Campeche

Zugang erhält der Besucher über zwei Stadttore: Die Puerta de la Tierra an der Bastion San Juan, und die Puerta del Mar zwischen den Bastionen La Soledad und San Carlos. Die beiden Stadttore waren früher die einzigen Zugänge zur Verteidigungsanlage des einstigen San Francisco de Campeche. Ein Erlebnis verspricht vor allem ein Rundgang über die Wallanlagen, wenn jeweils am Dienstag-, Freitag- und Samstagabend durch ein Licht- und Ton-Spektakel gekrönt wird. Dabei spielen Laiendarsteller – vornehmlich Angestellte der Stadtverwaltung – die Geschichte der Stadt nach: Mit Inbrunst und deshalb ungemein sympathisch.

Beim Rundgang über die Wallmauer bekommt am am besten ein Gefühl für die Stadt und die militärische Architektur. Man muss sich nicht jede Bastion ansehen, nur der Vollständigkeit halber wollen wir unseren Lesern hier einen Überblick geben. Entdecken muss er selbst!

Santa Rosa (gegenüber dem Stadtviertel San Román) beherbergt außer Büros der Stadtverwaltung auch eine Fotoausstellung und einen Informationsstand für Touristen. In La Soledad ist heute das Museum für Geschichte untergebracht mit archäologischen Zeugnissen der Region, Dokumenten zur Geschichte der Stadt sowie Waffen. Sehenswert ist das Museum insbesondere auch wegen der hier ausgestellten Maya-Skulpturen. Die 1953 restaurierte Bastion Santiago ist in einen Botanischen Garten umgewandelt worden mit dem Maya-Namen Xmuch-haltun, übersetzt auf Spanisch Sarteneja de la Rana und Höhlenwasserloch des Frosches bedeutet. In der Bastion San Carlos, im Nordwesten gegenüber dem Meer, ist das Museum der Stadt (Museo de la Ciudad) untergebracht, das einen Überblick bietet über die historische und kulturelle Entwicklung Campeches.

Die Puerta del Mar in Campeche

Die Puerta del Mar in Campeche

In der Altstadt von Campeche

In der Altstadt von Campeche

In San Pedro finden wechselnde Ausstellungen statt. San Francisco wurde eigens zur Verteidigung der Puerta de la Tierra erbaut und beherbergt heute die Archäologische Bibliothek. Beeindruckend ist auch das ehemalige Pulverlager El Polvorín, das zwischen 1750 und 1758 außerhalb des Stadtkerns erbaut wurde, um die Bewohner vor den Gefahren einer Explosion zu schützen. Aufgeteilt in zwei militärische Sektionen, diente der eine Komplex als Lagerhalle und der zweite, bekannt als Kasematte (Casamata), als Kaserne. Restauriert, befinden sich hier heute die für Kultur zuständigen Büros der Stadtverwaltung. Gelegentlich werden hier auch Ausstellungen zu verschiedenen Themen gezeigt.

Einen Ausflug wert ist die Festung San Miguel im Süden der Stadt, die man über die Panoramastraße Escénica erreicht. Der Blick über die Stadt und die Bucht mit der Küstenpromenade – mit einem eigenem Rad- und Skater-Weg – ist abends besonders spektakulär. Heute ist hier das Archäologische Museum untergebracht, das beeindruckende Fundstücke aus den zahlreichen archäologischen Stätten des Bundesstaats wie Calakmul, Edzná und Becan zeigt.

Campeche_Altstadt

Überall Spuren der Vergangenheit in Campeche

Uferpromenade Campeche

Sonnenuntergang an der Uferpromenade von Campeche

Nicht weniger spektakulär ist die Festung San José del Alto auf dem Hügel Bellavista am anderen Ende der Stadt. Hier kommen Waffenfans und Piratennostalgiker auf ihre Kosten: Neben Waffen sind hier auch Nachbauten von Piratenschiffen zu bestaunen. Wer noch mehr über die Piraten wissen will, ist im Bastion San Juan an der 18. Straße richtig. Hier wird alles erklärt, was Diego der Mulatte und Kollegen an Übeltaten verbrochen haben. Natürlich ranken sich um Campeche und seine Piraten zahlreiche Anektdoten und Legenden – von der brachialsten bis zur romantischsten.

Kunsthandwerk in Campeche

Schöne Mitbringsel für Zuhause

Unabhängig von den imposanten Wallanlagen gibt es in der Altstadt von Campeche viel zu sehen, zu erleben – und zu kaufen. Das Kunsthandwerk – ob Textilien, Keramik, Leder, Hängematten oder Möbel – ist eine einzige Versuchung. Die liebevoll restaurierten malerischen Viertel bieten unzählige Fotomotive.

Einen Rundgang beginnt man am besten an der Plaza de la Independencia, dem Zócalo mit seiner imposanten strahlendweißen Kathedrale und den Arkaden. Von hier aus fährt der Touri-Bus ab, ein von einem Diesel gezogener Nachbau der Straßenbahn (Tranvía).

Am Hauptplatz erhebt sich imposant die Kathedrale Nuestra Señora de la Concepción, in unmittelbarer Nachbarschaft liegt die Bastion San Carlos, wo sich auch der Regierungspalast befindet, der einst – Ironie des Schicksals – das Haus der Wohlfahrt von Campeche beherbergte.

Die Casa de la Cutura (Kulturhaus) in der 12. Straße ist vor allem für die Campechanos selbst wichtig. Es ist eine Mischung aus Kultur- und Weiterbildungszentrum und letztendlich eine Art von Volkshochschule. Das Interessante hier ist vor allem das Ensemble historischer Gebäude aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt die dem Kleinen Heiligen Franziskus (San Francisquito) gewidmete Kirche. Nicht weit von hier gelangt man zum Theater Francisco de Paula Toro, das am 15. September (heute Nationalfeiertag) 1834 eröffnet wurde. Nur wenige Schritte von hier lädt der kleine, lauschige Platz San Juan de Dios oder Juaninos zu einer Pause ein.

Wer die Küche von Campeche ausprobieren möchte, ist bestens im Restaurant “La Pigua” (Malecón Miguel Alemán Nr. 179 A, Zentrum) aufgehoben. Das Restaurant ist vor allem wegen seiner Meeresfrüchtespezialitäten berühmt – es gibt davon inzwischen sogar einen Ableger in Mexko-Stadt.

Über Herdis

Die deutsche Journalistin und Autorin Herdis Lüke hat Mexiko zu ihrer Wahlheimat gemacht. Das erste Mal lebte sie bereits von 1974 bis 1976 und von 1978 bis 1986 in Mexiko. Auch während ihrer 20 Jahre als Journalistin in Hamburg hat sie Mexiko immer wieder besucht und darüber geschrieben - als Autorin u. a. in den Mexiko-Travelnews. Seit 2006 lebt sie wieder permanent in Mexiko.