Von Herdis Lüke
Ihr Mut ist unbeschreiblich und jeder Mensch in der Welt hat wenigstens ein Foto von ihnen gesehen: Die Klippenspringer von La Quebrada im Acapulco an der Pazifikküste von Mexiko. Vier Mal am Tag, an 365 Tagen im Jahr, stürzen sich die “Clavadistas” von dem 35 Meter hohen La-Quebrada-Felsen in die tosende Brandung. Im vergangenen Oktober war es 75 Jahre her, dass zum ersten Mal mit dem legendären Rigoberto Apac Ríos ein junger Mann vom Felsen sprang.
Die Zeiten, in denen sie für ein paar Pesos und Dollars als Trinkgeld ihr Leben riskierten, sind längst vorbei. Organisiert in der “Vereinigung der Professionellen Springer der Quebrada” (Asociación de Clavadistas Profesionales de la Quebrada), erhalten die Springer ein nach Saison variables Gehalt und vor allem eine Krankenversicherung und Altersversorgung, was durch Eintrittsgelder und den Verkauf von Getränken und Souvenirs finanziert wird. Jedes Jahr im Herbst sind sie Gastgeber des internationalen Werttbewerbs “Acapulco Xtreme Diving” mit Teilnehmern aus Ländern aller Kontinente.
Eine finanzielle Unterstützung vom Tourismusministerium oder vom Fremdenverkehrsbüro von Acapulco erhalten die Springer nicht – dabei sind sie die besten Botschafter Acapulcos. Ihre drahtigen Körper zieren Poster und Bildergalerien, sie dienen als Kulisse für Werbefilme und Telenovelas. Honorare bekommen sie dafür selten. “Manchmal bekommen wir gar nicht mit, dass wir für Werbung herhalten müssen, wenn der Spot im Ausland gezeigt wird”, erklärt Jorge Mónico, ehemaliger Springer und Präsident der Vereinigung.
Der Springer, mit dem ein Kosmetikhersteller Ende der 1980er Jahre im deutschen Fernsehen mit einem Spot für Duschgel warb, hat bis heute keinen Cent dafür gesehen, “Wir sind für jeden Hinweis dankbar”, sagt Jorge, der sich 1996, damals war er 25 Jahre alt, als Stunt von Carlos Benavídes in der Telenovela “El Premio Mayor” vom Felsen stürzte. Wer Werbefotos schießen oder einen Werbespot drehen möchte, muss sich vorher die entsprechende Genehmigung bei der Vereinigung einholen. Ein Anwalt vertritt die Interessen der Felsenspringer, wenn diese erfahren, dass ihre Rechte an Fotos und Aufnahmen verletzt worden sind.
Filmreif: Die Geschichte der Clavadistas
Anfang der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war Acapulco noch ein unberührtes Paradies, dessen Bewohner sich hauptsachlich vom Fischfang ernährten. Als Hafenstadt, in der während der Kolonie reich beladene Handelsschiffe aus China und den Philippinen anlegten, hatte Acapulco längst seine Bedeutung verloren. Nach dem Fischfang schwammen und tauchten junge Männer in dem schmalen Kanal zwischen dem Quebrada-Kliff und dem gegenüberliegenden Felsen. Der Sprung vom 35 Meter hohen Kliff galt anfangs als reine Mutprobe unter Brüdern und Freunden in der Nachbarschaft. Bald sprach sich das Spektakel im Ort herum und lockte zunächst heimische Besucher an. 1934 gründeten die Felsenspringer erstmals den “Klub der Felsenspringer und Lebensretter von Acapulco”. Noch sprangen die mutigen Männer nur in ihrer Freizeit von dem Felsen in die Fluten. Erst 1942 brachte der damalige Hafenkapitan José Ramón Alfaro die jungen Männer dazu, ihre Mutproben als organisierte Schau mit festen Zeiten zu etablieren.
Dass sie Weltruhm erlangen sollten, verdanken sie jedoch dem Schweizer Bandleader und “Swing-König” Teddy Stauffer (1909-1991), der nach seiner Ausweisung aus dem nationalsozialistischen Deutschland in Acapulco eine neue Heimat gefunden und sich mit den Felsenspringern angefreundet hatte. Stauffer trug wesentlich dazu bei, die Hollywood-Prominenz nach Acapulco zu locken und damit den Ort berühmt zu machen.
Zusammen mit den Besitzern des damals noch kleinen Hotels “Mirador”, das auf einem Nachbarfelsen thront, gründete Stauffer das Restaurant “La Perla” – von seinen Terrassen genießen die Besucher auch heute noch einen ungetrübten Blick auf die spektakuläre Show, die seit ihren Anfangen um waghalsige Nummern erweitert worden ist. Heute stürzt sich – bei Sonderveranstaltungen – eine lebende Fackel ins Meer, und der Hit bei Kindern ist der Spung von “Spiderman”. Im “Salon der Berühmten” zieren unzählige Fotos von Berühmtheiten aus dem internationalen Film-Jet-Set die Wände. Inzwischen ist das Hotel in die Jahre gekommen, ist aber wegen seines fantastischen Blicks und seiner Atmosphäre immer noch ein Touristenmagnet – hier kann man sich noch mit den Springern zusammensetzen, mit ihnen plaudern und feiern. Starallüren sind ihnen unbekannt. Ihr Gehalt variiert je nach Saison zwischen 4000 Pesos (etwa 220 Euro) und 8000 Pesos (ca. 440 Euro) – nicht gerade üppig für das Risiko, das sie täglich mehrmals eingehen. Trinkgelder sind deshalb immer willkommen.
Es war auch Teddy Stauffer, der 1954 dafür sorgte, dass die Quebrada-Springer an einem Weltcup teilnahmen, der damals in Panama stattfand. Die Mexikaner gewannen dabei den dritten Platz. Der erste Schritt in die Welt außerhalb Acapulcos war getan. Es sollte noch 13 Jahre dauern, bis die Clavadistas – inzwischen auch offiziell als Klub konstituiert – im Dezember 1967 erstmals den Weltcup nach Acapulco holen konnten. Seitdem ist der internationale Wettbewerb zu einer festen Institution in Acapulco geworden.
Die internationale Prominenz gab sich ein Stelldichein in Acapulco. Stars wie Johnny Weißmüller (der das berühmte Hotel “Los Flamingos” gründete), John Wayne, Errol Flynn, Gary Cooper, Elizabeth Taylor, Julio Iglesias, um nur einige zu nennen, hatten sich wahre Traumhäuser über der Caleta-Bucht gebaut, die Stadt wuchs, es entstand ein Hotel neben dem anderen an der großen Hauptbucht von Acapulco. Nachtclubs und Diskotheken wie die legendären “Boom-Boom” und “Tequila a Go-Go”, denen später das “Baby O” und das auf dem Las-Brisas-Berg thronende “Palladium” mit seinem spektakulären Blick über die Bucht folgten, lockten Weltstars und betuchte Jet-Setter an.
Ein Besuch bei den Felsenspringern war damals in Mode, und so war 1981 der Moment gekommen, die Vereinigung als professionelle Interessenvertretung zu gründen. Die 1980er Jahre markierten jedoch auch den Beginn des langsamen Abstiegs von Acapulco als internationaler und mondäner Badeort. Acapulco bekam mit dem am Reißbtrett entstandenen Badeort Cancún an der Karibikküste Mexikos Konkurrenz.
Massentourismus statt internationaler Jet Set
Acapulco wurde zunehmend zur “Badewanne” der Hauptstädter und ein Ort für Massentourismus. Mit superluxuriösen Hotels, eleganten Aparmenthausern in ausgedehnten Poollandschaften, Einkaufspassagen, Veranstaltungsarena und einem High-Tech-Stadion in der neuen Zona Diamante Richtung Flughafen versucht Acapulco die betuchte Klientel wieder anzulocken. Auch das alte Acapulco – insbesondere die Caleta-Bucht – soll wieder aufgewertet werden. Die Familie von Carlos Slim, nicht nur Mexikos, sondern der Welt reichster Mann nach der Zeitschrift “Forbes”, investiert in die Sanierung des alten Acapulco. Mit der Renovierung und Umwandlung in ein schickes Boutique-Hotel hat das “Boca Chica” in Caleta den Anfang gemacht.
Und dass Acapulco trotz allem immer einen Besuch wert ist, verdankt es den mutigen Felsenspringern, den wahren Helden von Acapulco.



