Michoacán: Wo die Seele Mexikos zuhause ist

Text und Fotos: Herdis Lüke

Nirgendwo in Mexiko lassen sich indianische Traditionen und koloniale Geschichte so hautnah erleben wie in Michoacán. Und nirgendwo ist das Kunsthandwerk so vielseitig wie hier. Das zeigt sich in vielen Städtchen Michoacáns, ob in Uruapan, Santa Clara del Cobre und Paracho. Idyllische Landschaften mit bewaldeten Bergen und malerischen Seen, zauberhafte Städtchen wie Pátzcuaro, Cuitzeo oder Tzintzantzun und einzigartige Naturphänomene machen Michoacán zu einer wahren Schatzkammer. Hier ist die Seele Mexikos zuhause: Nicht umsonst wirbt dieser Bundesstaat mit dem Slogan “Michoacán – el alma de México” – (Michoacán – die Seele Mexikos).

Die Stadt Uruapan liegt mitten im Reich der Purépacha im Osten von Michoacán am Fluss Cupatitzio, der im nahen Parque Nacional Eduardo Ruiz entspringt. Ihr Name in Purépacha wird abgeleitet von ihrem ursprünglichen Namen Uruapani (Ort des ewigen Blühens und Wachstums) Üppige liebevoll gepflegte Gärten mit tropischen Blumen laden zum Verweilen ein.

Begünstigt von einem milden Klima, liegt die Stadt in einem Paradies in 1600 Metern Höhe, umgeben von einer wundervollen anmutigen Landschaft mit bewaldeten Bergen und saftigen Weiden. Ihren Ruf als Avocado-Hauptstadt und Obstgarten Mexikos verdankt sie den gigantischen Avocado- und Obstplantagen in der Umgebung. Michoacán ist nach Regierungsangaben der größte Avocado-Produzent der Welt. Und in Uruapan werden auch mit die besten Obstliköre Mexikos hergestellt. In der Destillerie Tarasca, wo die die Besucher nicht nur zusehen können, wie der Charanda-Likör produziert wird, sondern dürfen ihn (und die diversen Cocktails, die man damit zaubern kann) auch kosten. Den Namen verdankt der Zuckerrohrlikör einem kleinen Hügel, wo einmal die erste Destillerie stand.

Der Zocalo von Uruapan

Der Zocalo von Uruapan.

La Huatápera

La Huatápera in Uruapan.

Gegründet 1533, bewahrt sie sich trotz ihrer Größe – immerhin fast eine halbe Million Einwohner und zweitgrößte Stadt von Michoacán – bis heute ihren kolonialen Charme und ihre indianischen Traditionen. Aufgeteilt in sechs barrios (Stadtteile), hat jedes seine eigene Kapelle und seinen eigenen Charakter. Bis heute pflegen die barrios San Miguel, San Pedro, San Francisco, Santa María Magdalena, San Juan Bautista und Santo Santiago ihren individuellen Stil und ihre Eigenständigkeit. Rote Ziegeldächer, die von teilweise kunstvoll geschnitzten Balken getragen werden, unterstreichen den Charme der Stadt.

Die schachbrettartig gebaute Altstadt um den ursprünglich als Marktplatz angelegten zweigeteilten Hauptplatz ist zauberhaft. Hier gründete der Franziskaner-Priester Juan de San Miguel noch im selben Jahr das erste Indiohospital (La Huatápera), in Lateinamerika, gleich neben der Kirche der Unbefleckten Empfängnis. Das schöne platereske Portal der Hospitalskapelle zeigt die Statue des Heiligen von Uruapan, den die Indios als Tata (in Purépacha Papa) Juanito verehrten. Heute ist in der La Huatápera dem Museum für Volkskunst untergebracht. Uruapan steht sogar im Guiness-Buch der Rekorde: Hier, in der Straße Carrillo Puerto No. 50c, steht das schmalste Haus der Welt: Es ist nur 1,40 m breit und 7,70 hoch.

Die typischen Tabletts aus Michoacán

Die typischen Tabletts aus Michoacán. Foto: Herdis Lüke

Kunstvoll gesticktes Textilbild

Kunstvoll gesticktes Textilbild

Michoacán ist berühmt für sein vielseitiges Kunsthandwerk. Aus Uruapan stammen zum Beispiel die in Einlegetechnik verzierten Tabletts und Truhen sowie prachtvolle Lackarbeiten und handgewebte Stoffe. Der kluge Priester brachte die Indios auch dazu, ein Handwerk zu lernen. Sie hinterließen der Nachwelt in den Kirchen kunstvolle Schnitzereien und Wandmalereien. Wissen und Kunstfertigkeit werden von Generation zu Generation weitergegeben. Zu kaufen gibt es die wunderschönen Handarbeiten, auch Textilien, Trachten und Keramik, in der Casa del Turista im Zentrum.

Der jährliche Kunsthandwerkermarkt am Palmsonntag, bei dem etwa 1200 Kunsthandwerker aus ganz Michoacán zusammentreffen, ist legendär und weit über Mexikos Grenzen berühmt. Jedes Jahr lockt er Tausende von Besuchern aus ganz Mexiko und dem Ausland an. In einem langen Umzug ziehen sie alphabetisch nach den Anfangsbuchstaben ihrer Heimatorte geordnet und angeführt von den jeweiligen Autoritäten, durch die Stadt. Mit seinen mehr als einer Million ausgestellten Produkten gilt der Markt als der größte in Lateinamerika.

Der kulturelle Reichtum der Purépachas zeigt sich in den zahlreichen Festen, die im Laufe des Jahres in den Barrios von Uruapan und Umgebung stattfinden. In den Tänzen und Zeremonien der jeweiligen Gruppen entfaltet sich die Magie und Mystik der Purépachas und bildet eine Symbiose mit spanischen und maurischen Einflüssen. Wer einmal die Traditionen der Purépachas hautnah erleben möchte, sollte ihr Neujahrsfest nicht versäumen, das jedes Jahr jeweils am 1. und 2. Februar in einem (wechselnden) Dorf gefeiert wird. Hinreißend sind die Aufführungen der Danza de los Viejitos, dem Tanz der Alten, bei dem eine Gruppe als alte Männer maskierte Tänzer zu mitreißenden Rhythmen steppt.

Festtracht der Purépachas

Festtracht der Purépachas in Tzintzantzun

Danza de los Viejitos

Danza de los Viejitos

Auch die regionale Küche ist Teil ihrer kulturellen Identität. Die Gastronomie-Schau der Purépachas am Palmsonntag ist genau so weltberühmt wie ihr Kunsthandwerk. Und weil die Küche so vielseitig und lecker ist, gibt es in Uruapan einen eigenen Mercado de Antojitos, was übersetzt bedeutet Markt der Leckerbissen oder Appetitmacher. Hier reiht sich ein Imbissstand an den anderen. Schon die Düfte nach Kräutern und exotischen Gewürzen weisen den Weg. Der Markt hat bis spät abends geöffnet. Zu den Spezialiäten von Michoacán zählen “Uchepos”, das sind in Maisblätter eingehüllte entweder süße oder scharfe Maiskuchen, die in Wasserdampf erhitzt werden, oder die “Charales”, kleine Fische, die in Öl gebacken entweder wie Chips oder paniert mit scharfer Soße als Vorspeise gegessen werden.

Wer die Küche Michoacáns probieren mächte, sollte sich auf den Weg nach Ziracuaretiro machen. Umgeben von tropischer Vegetation und mit herrlichem Blick auf die Kirche des Dorfes, liegt das Restaurant La Mesa de Blanca. Dieser Gourmettempel der typischen Küche von Michoacán braucht keine Werbung – jeder kennt ihn und kann Ihnen den Weg zeigen (für den Fall de Fälle: Av. Ferrocarril s/n; s/n bedeutet “ohne Nummer”).

Mesa Blanca

Mesa de Blanca: Gourmettempel auf dem Lande

Die Kirche von Ziracuaretiro

Blick auf die Kirche von Ziracuaretiro

In der Umgebung von Uruapan ist auch der riesige Wasserfall La Tzaráracua des Cupatitzio, etwa 12 km südlich von Uruapan Richtung Nueva Italia, einen Besuch wert. Die Landschaft ist herrlich – ein fantastischer Ort, um sich am odr im Wasser zu entspannen Etwa 25 Kilometer von Uruapan Richtung Zamora liegt das Städtchen Paracho<. Es ist berühmt für seine Holzmusikintrumente, vor allem Gitarren, die hier in zahlreichen Werkstätten hergestellt werden. Jeweils im August wird hier auch die Nationale Gitarrenmesse abgehalten. Wunderschön sind auch die rebozo genannten Umhängetücher, die die Frauen aus dem benachbarten Ahuiran kunstvoll weben. Im großen Kunsthandwerkermarkt kann man ihre Produkte kaufen und ihr Kunsthandwerk im Museum neben der Kirche bewundern.

Kupferarbeiten aus Santa Clara del Cobre

Kupferarbeiten aus Santa Clara del Cobre

Schachbrett aus Holz

Holz-Schachbrett aus Paracho

Weltberühmt ist die Stadt Santa Clara del Cobre für ihre gehämmerten Kupferarbeiten, die zum Teil noch in der Tradition der vorspanischen Techniken hergestellt werden. Offiziell heißt der hübsche Ort Villa Escalante und liegt kurz hinter Pátzcuaro an der Route Morelia-Uruapan. Der Bischof von Pátzcuaro, Vasco de Quiroga, ließ hier schon zu Beginn der Kolonialisierung eine große Kupferschmelze errichten, die bis Ende des 18. Jahrhunderts arbeitete und dann ein Raub der Flammen wurde. Fast der gesamte Ort war damals dabei zerstört worden.

In den Läden wird man schier geblendet von Kupferwaren in allen Größen und Formen und vielfach bunt bemalt: Schon vor der Eroberung fertigten die Tarasken (Purépachas) aus Kupfer u. a. Masken und Rasseln. Gerne lassen sich die Kupferschmiede bei ihrer Arbeit hier über die Schulter blicken – zum Beispiel in der riesigen Werkstatt der international bekannten mexikanischen Künstlerin Ana Pellicer.

Pátzcuaro – eine Liebeserklärung

Ein Städtchen zum Verlieben und für Verliebte ist Pátzcuaro am gleichnamigen See. Das Gassengeflecht mit seinen weißgetünchten Häusern und roten Ziegeldächern und seinen imposanten Klöstern schmiegt sich wie ein großes, anheimelndes Nest in die idyllische Landschaft. Die engen Gassen führen zu imposanten Plätzen, wie die Plaza Vasco de Quiroga, die Michoacáns Wohltäter huldigt. Unter den Arkaden am Platz lässt es sich wunderbar flanieren. Hier gibt es schöne Restaurants und Cafés und das Paradies für Eisfans. Das beste Eis Mexikos kommt aus Michoacán, und hier in Pátzcuaro gibt es so viele Sorten, dass man kaum Zeit hat (und Kapazität), sie alle auszuprobieren. Eine Spezialität von hier ist auch der “weiße Fisch” (pescado blanco), der mit unserem Zander oder Felchen vergleichbar ist, wenn auch etwas kleiner.

Eisstände in Pátzcuaro

Dicht umdrängt: Eisstände in Pátzcuaro

Plaza Vasco de Quiroga in Patzcuaro

Plaza Vasco de Quiroga in Patzcuaro

Man kann stundenlang durch Pátzcuaro spazieren, ohne dass es einem langweilig wird. Herrlich ist der Blick von der Basilika auf die Stadt und den See in der Ferne, und einzigartige Fotomotive bietet der Spaziergang entlang den Mauern des Templos de la Compañía zum Templo del Sagrario – beide sind faszinierende Beispiele der kolonialen Architektur von Pátzcuaro. So auch das Haus der elf Patios (Casa del los Once Patios), ein einstiges Dominikanerinnen-Kloster. Heute hat es keine elf Patios mehr, denn die imposante Anlage musste für einen Straßendurchbruch geteilt werden – deshalb führt auch eine Treppe ins Nichts. An der Schönheit ändert das nichts. Innen befinden sich zahlreiche kleine Galerien und Kunsthandwerkerläden.

Wer ins Internetcafé muss, sollte sich in die Biblioteca Gertrudis Bocanegra begeben, am gleichnamigen Platz parallel zum Platz Vasco de Quiroga. Ein imposantes Wandbild von Juan O’Gorman ziert die gesamte Wand gegenüber dem Eingang. Hier hat der Zeitgenosse von Diego Rivera die Geschichte Michoacáns und der Purépachas in prachtvollen Szenen wiedergegeben (O’Gorman ist übrigens auch einer der Schöpfer der Fassade der Bibbliothek der Nationalen Universität von Mexiko in Mexiko-Stadt). Schöner und inspirierender zum schreiben könnte die Atmosphäre nicht sein. Und was die Hotels von Pátzcuaro betrifft: Die meisten sind in prachtvollen alten Gemäuern untergebracht. Unser absoluter Favorit: La Casa del Refugio an der Plaza Gertrudis Bocanegra. Hier schläft man buchstäblich von Engeln und Heiligen bewacht. Jedes Zimmer hat seinen eigenen Erzengel oder Heiligen. Der Abschied von hier fällt einem wirklich schwer…

Templo de la Compañía

Templo de la Compañía in Pátzcuaro

Templo del Sagrario

Templo del Sagrario in Pátzcuaro

Michoacán ist ein Reiseziel, das Lust macht auf mehr – oder süchtig macht. Und so geht unsere Reise weiter nach Tzintzuntzan, wo das ehemalige Franziskaner-Kloster, der Purépacha-Kunsthandwerkermarkt und eine archäologische Stätte uns erwarten. Einst war Tzintzuntzan – was in der Sprache der Tarasken “Ort des Kolibris” bedeutet, die Hauptstadt der Purépachas.

Beeindruckend ist vor allem das ehemalige Franziskaner-Kloster, das mit Unterstützung einer spanischen Stiftung von eigens ausgebildeteten Einwohnern restauriert wird. In der Werkstatt lassen sie sich auch gerne bei der Arbeit über die Schulter sehen. Im Atrium stehen immer noch die Olivenbäume, die einst Vasco de Quiroga hier im 16. Jahrhundert gepflanzt hat. In den Wänden der offenen Kappelle sind noch Steine mit kleinen Fresken der Pyramiden zu sehen, die die spanischen Eroberer einst zerstört haben. In der Klosterkirche liegt ein Jesus im Glassarg, der angeblich wächst: Tatsächlich musste der Sarg im Laufe der Zeit immer wieder vergrößert werden – die Mexikaner glauben an ein Wunder.

Das Franziskaner-Kloster in Tzintzuntzan

Das Franziskaner-Kloster in Tzintzuntzan

Kunsthandwerkermarkt in Tzintzuntzan

Kunsthandwerkermarkt in Tzintzuntzan

Cuitzeo, das nicht weit vom Pátzcuaro-See liegt. Cuitzeo gehört zu Mexikos “Magischen Dörfern” (Pueblos Mágicos). Hier steht mit dem im 16. Jahrhundert von Augustinermönchen gegründetes Kloster eines der beeindruckendsten Beispiele der kirchlichen Architektur der frühen Kolonialjahre. Die Anlage imponiert wegen ihrer monumentalen Größe, ihrer vielen Patios, Gärten und Gänge und ihren Wandmalereien. Das gut erhaltene und restaurierte Kloster vermittelt eindrucksvoll, welch angenehmes, komfortables Leben die Mönche hier einst pflegten. Sehenswert ist auch die kleine Kirche für das Volk außerhalb der Klostermauern am schönen großen Platz vor dem Kloster.

Blick vom Kloster auf das Dorf Cuitzeo

Blick vom Kloster auf das Dorf Cuitzeo

Augustiner-Kloster in Cuitzeo

Augustiner-Kloster in Cuitzeo

Wer die Gelegenheit hat, im Oktober/November nach Mexiko zu reisen, der sollte rechtzeitig versuchen, in Pátzcuaro ein Hotelzimmer zu bekommen. Denn besonders hier und auf der Insel Juanitzio ist der Totentag beziehungsweise Allerheiligen am 1. und 2. November ein ganz besonderes Fest. Dann kommen die Menschen auf den fantasievoll geschmückten Friehöfen zusammen und bringen ihren Verstorbenen ihre Lieblingsspeisen und Getränke. Überall in den Dörfern und Städten werden bunte Totenaltäre aufgebaut, die wahre Kunstwerke sind.

(Mit Auszügen aus dem Buch “Zeit für Mexiko”, von Christian und Regula Heeb, Susanne Asal und Herdis Lüke, Bucher-Verlag, 2005, ISBN-10: 3765814911, ISBN-13: 978-3765814914)

Weitere Reportagen aus Michoacán:

Morelia: Kunst, Kultur und koloniale Pracht
“Aromas y Sabores de México”: Neue Gourmetreisen durch Mexiko

Über Herdis

Die deutsche Journalistin und Autorin Herdis Lüke hat Mexiko zu ihrer Wahlheimat gemacht. Das erste Mal lebte sie bereits von 1974 bis 1976 und von 1978 bis 1986 in Mexiko. Auch während ihrer 20 Jahre als Journalistin in Hamburg hat sie Mexiko immer wieder besucht und darüber geschrieben - als Autorin u. a. in den Mexiko-Travelnews. Seit 2006 lebt sie wieder permanent in Mexiko.