Mexiko-Stadt: Kosmopolitischer Gigant in schönem Gewand

Text und Fotos von Herdis Lüke

Das Häusermeer erstreckt sich bis weit in den Horizont und scheint kein Ende zu nehmen: Mit rund 22 Millionen Einwohnern einschließlich des Speckgürtels, ist Mexiko-Stadt eine der größten Metropolen der Welt. Im Tiefflug überquert die Maschine die Häuser – und man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Mehrspurige Verkehrsachsen durchkreuzen die Stadt, Autobahnen über mehrere Etagen schlängeln sich durch Häuserschluchten. Und mancher ist überrascht von den vielen unterschiedlichen Gesichtern der Stadt. Sogar die Verkehrsstaus halten sich in dieser gigantischen Metropole in Grenzen. Nachts breitet sich ein unendliches Lichtermeer aus.

Kaum hat man den riesigen Flughafen (der um ein schickes zweites Terminal erweitert worden ist) verlassen, erwarten die Mexiko-Besucher die Bestätigung negativer Urteile, die ihnen gerne auf den Weg gegeben werden: Stinkende Busse und Lkw und hupende Autos auf überfüllten Straßen, fliegende Händler, die mit ihren Frauen und Kindern Kaugummis, Taschentücher, Gummimatten oder Lampen an den Mann und die Frau bringen wollen, dazwischen Feuerschlucker, Clowns und flinke Windschutzscheibenputzer.

Platz der Verfassung

Plaza de la Constitucion (Zócalo)

Die stinkenden Busse des öffentlichen Nahverkehrs sind rar geworden. Jetzt fahren ultramoderne Busse und Gelenkbusse durch die Stadt; nur in ärmeren Außenvierteln brausen wie eh und je die teils gefährlich schrottigen “Microbuses” über die Straßen. Ein Heer flotter, moderner Pkw fließt erstaunlich gesittet durch die Straßen. Schrottautos haben eher Seltenheitswert. Auch die legendären Volkswagen-Taxis werden immer weniger. Inzwischen sind sie eindeutig in der Minderheit. Die Schwerindustrie ist aus der Stadt verschwunden, überall gibt es Bäume und Beete mit herrlichen exotischen Blumen. Mexiko-Stadt präsentiert sich in schönem Gewand.

Mexiko-Stadt ist immer einen Besuch wert! Im Jahr 2011 wurden einer Reihe von Stadtvierteln vom Tourismusministerium der Stadt die Kategorie “Barrios Mágicos Turísticos” (Magische Touristische Viertel”) verliehen, womit sie mit offiziellen Mitteln aufgewertet und gefördert werden. Dazu gehören nicht nur die bekannten “In-”-Stadtteile San Angel, Coyoacán, Zona Rosa, Roma und Condesa, sondern auch die historischen Viertel wie die Plaza Garibaldi im Historischen Zentrum, Mixcoac und Tacubaya, Santa María la Ribera und das Marktviertel La Merced, vor allem aber auch die zu Mexiko-Stadt gehörenden traditionellen Dörfer Mixquic (wo die Tradition der Totenfeiern am 1./2. November noch fest verankert ist), und San Pedro Actopan, das berühmt ist für seine Mole. Dem Besucher von Mexiko-Stadt bietet sich eine unglaubliche Vielfalt an kontrast- und geschichtsreichen Stätten. Wollte sie man alle kennen lernen, bräuchte man Monate, wenn nicht Jahre.

Allen Warnungen zum Trotz vor Mexiko-Stadt als Metropole, in der Touristen angeblich dauernd überfallen werden, man in kein Volkswagen-Taxi steigen und kein Obst auf der Straße kaufen und essen oder Wasser aus der Leitung trinken soll: Der Distrito Federal oder DeEfe, wie die Mexikaner liebevoll ihre Hauptstadt nennen, ist eine faszinierende Metropole mit einem kulturellen Angebot und einer Gastronomie, die Weltstädten wie New York, Paris oder London in nichts nachsteht. Mexico City ist der ideale Ausgangspunkt einer Mexiko-Reise, und man sollte ihr durchaus ein paar Tage widmen.

Die Regierung hat in den vergangenen Jahren viele Anstrengungen unternommen, um die Stadt sicherer und sauberer zu machen – mit sichtbarem Erfolg. Ganze Scharen von Straßenfegern sind täglich unterwegs, um den Müll einzusammeln, an jeder Straßenecke im Historischen Zentrum und den “In-Vierteln” Condesa, Roma und Polanco stehen Polizisten und sorgen für Ordnung. Kameras an Lichtmasten an jeder Ecke sorgen zusätzlich für mehr gefühlte Sicherheit. Im Alameda-Park, wo das Historische Zentrum beginnt, sorgen berittene, typisch mit riesigem Sombrero und in fantasievolle Uniformen bekleidete Polizisten für Sicherheit der Besucher. Mit fröhlichem Lachen winken sie Touristen zu und lassen sich gerne fotografieren.

Berittene Polizisten Alameda

Berittene Polizisten Alameda

Alameda-Park

Alameda-Park

Das Historische Zentrum ist in den vergangenen Jahren restauriert worden.  In vielen Gebäuden der Kolonialzeit sind luxuriöse Lofts entstanden und edle Restaurants, trendige Kneipen und Lounges eingezogen – das Historische Zentrum ist “schick” geworden. Der Stadtregierung ist es sogar gelungen, die Altstadt von den tausenden von ambulanten Händler zu befreien, die die Straßen jahrzehntelang besetzten. Jetzt können die Besucher ungestört die Schönheiten des Historischen Zentrums bewundern und durch die Straßen flanieren.

Palast der Schönen Künste

Palast der Schönen Künste

Historisches Zentrum

An der Plaza Santo Domingo

Mexiko-Stadt fasziniert wegen ihrer vielen Kontraste. Schicke Wolkenkratzer zwischen geschichtsträchtigen Kolonialpalästen und Kirchen, großzügige Parks und prachtvolle Alleen wie der Paseo de la Reforma und die Avenida Insurgentes Sur, Villen mit Kaskaden von Bougainvilleen, eine blitzsaubere Untergrundbahn ( die “Metro”), Busse und Millionen von Autos, die Tag und Nacht durch die Straßen brausen. Museen, Theater, Kabaretts, Kinos, Bars, Diskotheken, elegante Restaurants, Boutiquen und Einkaufszentren, vielerorts noch ambulante Händler und dazwischen nimmermüde Straßenfeger. Das Nachtleben ist aufregend – Mexiko-Stadt schläft nie. An jedem Wochenende locken kulturelle oder sportliche Events, die großen internationalen Popstars geben sich hier die Klinke in die Hand.

Die riesigen Markthallen in jedem Stadtteil und offene Märkte bieten eine farbenprächtige und vielfältige andere Welt. Reiche Wohnviertel mit schwer bewachten Häusern, kontrastieren mit den Arbeitvierteln,  in denen die ambulanten Händler um Kunden brüllen und sich der Müll an jeder Ecke türmt.

Das Herz von Mexiko “al ritmo de la vida”

Wer durch die engen Straßen des im Jahr 2000 675 Jahre alt gewordenen Centro Histórico schlendert, begegnet auf Schritt und Tritt der Vergangenheit: Vom Palast der schönen Künste am berühmten Alameda-Park und der Hauptpost im  Art Deco bis hin zum imposanten Zócalo, dem Hauptplatz – nach dem Platz des Himmlischen Friedens und dem Roten Platz in Moskau der drittgrößte der Welt- mit der Kathedrale, dem Regierungspalast, den Gebäuden der Hauptstadtverwaltung und den Kolonnaden. Die Steine der alten Paläste, Kirchen und ehemaligen Klöster, in denen heute zum Teil Museen, aber auch Schulen und Teile der Universität untergebracht sind, lassen die Pracht erahnen, in der die Stadt einst erstrahlte, und erzählen von spannenden Geschichten. Wenn sich abends der Verkehrslärm beruhigt, die blechernen Rufe der Händler erstummen, dann meint man das Flüstern und Raunen der alten Steine zu hören. Sie erzählen von dramatischen Kämpfen und unglücklichen Lieben. Hier atmet die Geschichte “al ritmo de la vida”.

Kathedrale Mexiko-Stadt

Die Kathedrale am Zócalo

Templo Mayor

Templo Mayor

Der alte Stadtkern wurde mit Steinen der einstigen Azteken-Stadt Tenochtitlán erbaut. Erst in den 70er Jahren wurden im Zuge des U-Bahn-Baus die Reste des Templo Mayor entdeckt und ausgegraben. Die Jahrhunderte alte Kathedrale – auf sumpfigem Boden erbaut – wird mit einem Millionen-Aufwand und technischem Know-how immer wieder aufgerichtet – und trotzdem: – Ironie der Geschichte – sie neigt sich stets ehrfurchtsvoll hin zum Hohen Tempel , zum Herzen von Tenochtitlán. Überall tobt hier das Leben: Aztekische concheros genannte Federtänzer tanzen zu rytmischen Trommelwirbeln am Zócalo und verkaufen nicht nur ihr Kunsthandwerk, sondern auch Broschüren über die aztekischen Traditionen und Feste und ihre Bedeutung. Besucher schlendern über den Platz, lassen sich vor der majestätischen Kulisse der Kathedrale ablichten, dazwischen hetzen Regierungsangestellte, Banker oder Unternehmer mit Aktentasche unterm Arm zu ihren Terminen.

Aber der Zócalo ist auch eines der größten Veranstaltungszentren der Stadt, wo berühmte Künstler Konzerte geben und wo die Internationale Buchmesse von Mexiko-Stadt über die Bühne geht. Jeden Dezember verwandelt sich er Zócalo in eine riesige Eispiste und in ein echtes Schneewunderland – eine Sensation in Mexiko. Und wer gegen die Regierung protestiert, der tut das auch auf dem Zócalo: Hier campen streikende Arbeiter genau so wie Mitglieder von Bauernorganisationen oder Gewerkschaften.

Die vielen Parks der Stadt bilden nicht nur die grüne Lunge der Bewohner. Eine Oase ist der Chapultepec-Park mit seinem Schloss auf dem Hügel der Sonnenanbeterin (Chapulín), in dem einst Kaiser Maximilian mit seiner unglücklichen Charlotte residierte, dem kleinen See und dem Zoo. Am Sonntag bevölkern Tausende Mexikaner mit ihren Familien den Park zum Picknick, Schach spielen oder um sich unter freiem Himmel und fachkundiger Anleitung ihre Haare zu stylen, zu basteln oder tanzen zu lernen. Verkäufer schleppen riesige Trauben von bunten Luftballons oder rosa und blauer Zuckerwatte, Paletten voller Süßigkeiten und gefüllter Maisfladen mit sich. Unzählige Verkaufsstände mit Kitsch und Kram, Essen und Trinken konkurrieren um die Kunden.

Chapultepec-Schloss

Chapultepec-Schloss

Polanco

Sonntagsvergnügenin Polanco

Im beziehungsweise am Chapultepec-Park befinden sich aber auch das Anthropologische Museum, das Museum für Moderne Kunst und das Museum Rufino Tamayo. Hier residieren auch einige der elegantesten und modernsten Hotels der Stadt. Die Veranstaltungsarena Auditorio Nacional, das die Liste der weltbesten Arenen anführt, ist Austragungsort internationaler Pop-Events und Festivals. Von hier aus ist auch der europäisch und jüdisch geprägte Stadtteil Polanco zu Fuß zu erreichen. Am Prachtboulevard Presidente Masaryk haben sich neben eleganten Restaurants die großen, europäischen und amerikanischen Modemarken angesiedelt. Dennoch hat sich der Stadtteil im Kern seine Ursprünglichkeit bewahrt und ist reich an Kontrasten zwischen Moderne und Tradition.

Jubel, Trubel Heiterkeit

Zwischen den Verkehrsachsen Paseo de la Reforma, Insurgentes Sur und Avenida Chapultepec liegt die Zona Rosa, das Viertel, das mit seinen modernen Hotels, schicken Boutiquen, Kunstgalerien und Restaurants über Jahrzehnte als das Vorzeigeviertel galt. Inzwischen ist es etwas in die Jahre gekommen. Der Stadtteil ist fest in der Hand der Gays – Mexiko-Stadt ist auch offiziell schwulen- und lesbenfreundlich. In der Zona Rosa herrscht bis in die frühen Morgen Jubel, Trubel, Heiterkeit. Wer aufpasst und sich nicht gerade mit Juwelen behängt ins Gedränge stürzt, kann hier viel Schönes sehen und erleben. Ein charmantes und immer noch ursprüngliches schönes Viertel mit einer lebhaften Kultur- und Gastronomieszene ist der Stadtteil Condesa, der am Chapultepec-Park beginnt und sich zum In-Viertel der jungen Hauptstädter gemausert hat. Weniger überlaufen, aber an Schönheit mit der Condesa vergleichbar ist die benachbarte Colonia Roma oder gegenüber der Zona Rosa auf der anderen Seite des Paseo de la Reforma die Colonia Cuauhtémoc.

San Angel

Plaza San Jacinto in San Angel

Casa Azul

Frida-Kahlo-Museum

Romantik pur ist angesagt in den alten, denkmalgeschützten Kolonialvierteln wie San Angel oder Coyoacan im Süden der Stadt. Der Bazaar Sábado, der berühmte Kunsthandwerkermarkt in einer ehemaligen Hazienda von San Angel, zieht jeden Sonnabend Tausende von Besuchern an, während sich das Künstler- und Literatenviertel Coyoacán zu einem beliebten Wochenendtreff für Familien mit Kind und Kegel und vor allem für Jugendliche entwickelt hat. Rund um den malerischen Zócalo von Coyoacán brauchen die urigen und romantischen Cafés, Restaurants, Kneipen und Kulturtreffs um Gäste gar nicht erst zu buhlen, so groß ist der Ansturm. Sehenswert sind in Coyoacán vor allem das Museum Frida Kahlo – das Blaue Haus (La Casa Azul) -, in dem die Künstlerin mit Mexikos berühmtesten Muralisten Diego Rivera lebte, und das Museum Leo Trotzki.

Der Stadtteil Xochimilco im äußersten Süden mit seinen schwimmenden Gärten und zahlreichen Kanälen lässt die ursprüngliche Schönheit der Stadt der Azteken vor der Eroberung durch die Spanier erahnen. Begleitet von feuriger Mariachi-Musik fahren bunt geschmückte Trajineras genannte flache, überdachte Boote Ausflügler durch die Kanäle. In Trachten gekleidete Frauen verkaufen von ihren Kanus aus typische Gerichte wie Tacos, Tortas, Tostadas, Quesadillas und Barbecue, Fotografen machen vom Boot aus Jagd auf Touristen.

Xochimilco

Typische Trajinera in Xochimilco

Universität

Unesco-Weltkulturerbe: Die Universität

Der sonntägliche Tanz in Xochimilco  ist bei den jungen Leuten aus der Mode gekommen und die meisten Tanztempel sind verschwunden – bis auf den Betonklotz am Ende des Anlegers Cuemanco. Innen tobt der Bär: Alles ältere Paare, die hier wie einst in jungen Jahren fröhlich bei Danzón, Rumba, Salsa und Merengue das Tanzbein schwingen.

Die mexikanische Taufe aber, die erhält man auf der Plaza Garibaldi unweit des Historischen Zentrums – eine wahrhaft “heiße” Ecke. Hier spielen seit jeher die Mariachi- Kappellen auf, werden angeheuert für Serenaden und private Fiestas und spielen auch ungefragt Serenaden um die Wette, schwülstig, leidenschaftlich, romantisch und voller patriotischer Inbrunst. Berühmt -berüchtigt ist die Bar Tenampa – als getauft gilt, wer hier mindestens einen Tequila runtergeschüttet hat – nicht ohne vorher Salz vom Handrücken zu schlecken und eine dicke Limonen-Scheibe auszubeißen. Wie gesagt: MINDESTENS! Katerfrühstück mit scharfem “Pozole” gibt es im angrenzenden Markt, und den Rest, den man braucht um zu den Lebenden zurückzukehren, gibt es in unzähligen Apotheken. Sie gibt es fast an jeder Ecke. Der Platz wird aus Anlass der Jubiläumsfeiern komplett modernisiert – ein Stück Lokalkolorit wird dabei wohl verloren gehen, aber dafür kommt ein Tequila-Museum und eine Mariachi-Akademie an den Platz. Und die Kneipen bleiben ja…

Ein Tipp zu Ihrer Sicherheit: Wer sich an bestimmte Sicherheitsvorkehrungen hält, der wird seinen Aufenthalt in Mexiko-Stadt nicht nur unbeschadet überstehen, sondern auch reich belohnt mit faszinierenden Erlebnissen. Beim Taxi sollte man darauf achten, dass das Taxameter funktioniert, die Lizenz mit dem Foto des Fahrers an sichtbarer Stelle hängt und die Lizenznummer außen an der Karosserie mit dem Kennzeichen übereinstimmt. Wer ein bisschen Spanisch kann, sollte das auch nutzen: Der Taxichauffeur freut sich, er plaudert nämlich für sein Leben gern.

Zu später Stunde empfiehlt es sich, entweder an einem ausgewiesenen Taxistand (Sitio) oder über Funk ein Taxi zu besorgen – auch wenn diese Dienste teilweise bis zu dreimal so teuer sind. Dies gilt vor allem für die “Zona Rosa”. Auch sollte man seine Rolex und seine Juwelen lieber zuhause lassen. Ein Tourist läuft hier nicht weniger Gefahr als in New York, Hamburg oder Frankfurt.

Über Herdis

Die deutsche Journalistin und Autorin Herdis Lüke hat Mexiko zu ihrer Wahlheimat gemacht. Das erste Mal lebte sie bereits von 1974 bis 1976 und von 1978 bis 1986 in Mexiko. Auch während ihrer 20 Jahre als Journalistin in Hamburg hat sie Mexiko immer wieder besucht und darüber geschrieben - als Autorin u. a. in den Mexiko-Travelnews. Seit 2006 lebt sie wieder permanent in Mexiko.