Sagenhaft: Mit dem Zug vom Pazifik in die Kupferschluchten

Text: Herdis Lüke

Chepe

Der legendäre Chepe. Foto: Christian Heeb

Sie gilt als eine der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt:  Mit der Eisenbahn Chihuahua al Pacífico, kurz  Chepe genannt, geht es von Los Mochis an der Pazifikküste im Norden von Mexiko durch die wilde Sierra Tarahumara nach Chihuahua. Auf seiner mehr als 15 Stunden dauernden Fahrt über eine Strecke von 653 Kilometern überwindet der Zug eine Höhe von 2 500 Metern, überquert 39 Brücken in Schwindel erregender Höhe und durchquert 89 Tunnel. In  der Sierra liegen alte Minenstädte und Dörfer der Rarámuri-Indianer.

Es ist ungemütlich kühl morgens am Bahnhof von Los Mochis. Die Stadt schläft noch. Am Bahnsteig dagegen herrscht um 05:30 Uhr schon reger Trubel. Touristen aus aller Welt, Backpackers und Einheimische, in dicke Ponchos gehüllt, warten fröstelnd auf das Signal zum Einsteigen. Weit und breit ist zu so früher Stunde nirgends ein Kaffee oder Sandwich zu bekommen Glücklich können sich die Touristen schätzen, deren Hotels Kaffee und Kekse für die Frühaufsteher in der Lobby bereit gehalten haben.

Kurz vor 06:00 Uhr endlich das ersehnte Signal, die Türen öffnen sich. Wer verschläft und diesen Zug verpasst – oder keine Karten mehr bekommen hat – muss viel Zeit mitbringen – und sich mit Verpflegung eindecken. Der Zweite-Klasse-Zug fährt eine Stunde später ab, hat aber kein Zugrestaurant. Hält der „Primera Express“ bis Chihuahua „nur“ an 15 Stationen, bleibt der Zweite-Klasse-Zug meistens an bis zu 65 Stellen stehen – immer dann wenn auf Zuruf entweder jemand aus- oder zusteigen möchte.

Chepe

Technische Meisterleistung: Die Brücken. Foto: Christian Heeb

Chepe

Abenteuer: Vorne auf der Lok mitfahren. Foto: Christian Heeb

Endlich geht es los. Gemütlich tuckert der von einer 2000 PS starken Diesellok gezogene”Chepe” in den erwachenden Morgen. Kurz nach 09:00 Uhr erreicht er in 1200 Metern Höhe El Fuerte. Die zauberhafte Kolonialstadt am Ufer des Zuaque-Flusses verdankt ihren Namen einer Festung, die die Spanier hier einst als Bollwerk gegen unbeugsame Indianer und zum Schutz der Silberschätze aus den Minen in der Sierra Madre gebaut hatten. El Fuerte ist eine der interessantesten Städte im Norden Mexikos: Gegründet 1564 als La Villa de San Juan de Carapoa, kamen gegen Ende des 16. Jahrhunderts die ersten Jesuiten und Franziskaner in die Region. Die Stadt wurde zu einer wichtigen Durchgangsstation der spanischen Kolonialherren nach Arizona und Kalifornien und entwickelte sich zu einem wichtigen Handelszentrum an der „Königlichen Silberstraße“.

Zentrum El Fuerte

Zentrum von El Fuerte. Foto: Herdis Lüke

Hazienda El Fuerte

Hotel Posada del Hidalgo. Foto: Herdis Lüke

Von Los Mochis in rund 90 Minuten mit dem Auto zu erreichen, ist die Stadt auch eine Alternative für die, die lieber länger schlafen und den Zug erst um 09:00 Uhr von El Fuerte aus nehmen möchten. Prachtvolle Kolonialhäuser zeugen vom Reichtum der Silberbarone. In einer schmucken Hazienda wurde hier 1795 Don Alejandro de la Vega geboren, der als Zorro zur Legende geworden ist. Heute ist die Hazienda ein schmuckes Hotel., in dem zur Happy Hour ein als Zorro verkleideter Reiseleiter mit Charme und Gesang vor allem amerikanische Touristinnen entzückt. Das malerische Städtchen mit seinen hübschen Hotels ist hat auch eine interessante Umgebung. “Zorro”, der auch Reiseführer ist, begleitet seine Gäste gerne mit dem Boot und dann noch ein gutes Stück zu Fuß weiter zu prähispanischen Steingravuren.

Flussfahrt El Fuerte

Mit dem Schlauchboot über den Zuaque. Foto: Herdis Lüke

Pintura Rupestre

Prähistorische Steingravuren bei El Fuerte. Foto: Herdis Lüke

Ab El Fuerte wird die Fahrt zu einem aufregenden Abenteuer. Bei Kilometer 838,8 erreicht der Zug die Brücke El Fuerte, mit 498,8 Metern die längste der Strecke, die einen fantastischen Blick auf das Massiv El Embarcadero bietet. Bei Kilometer 754,6 wird es plötzlich stockduster. 1815,8 Meter ist der Tunnel Nr. 86 lang (der erste von Los Mochis kommend und der letzte aus Richtung Chihuahua), der längste auf dieser aufregenden Fahrt. Enge Steilwände wechseln sich nun ab mit malerischen Tälern, in denen Bananen, Orangen und Papayas wachsen. Der Zug gleitet schwankend über schmale Brücken in schwindelnder Höhe – und bietet einen atemberaubenden Blick in die Tiefe auf plätschernde Bäche und kleine Höfe – und hier und da auch auf herabgestürzte Güterwaggons. An der Station Temoris (km 707,5) hat der Zug bereits eine Höhe von 1025 Meter erreicht. Über enge Haarnadelkurven, über Brücken und durch Tunnel zieht die Lok den Zug über drei Ebenen entlang der Santa Barbara-Schlucht in die Höhe. Kurz nach Temoris kommt der Tunnel Nr. 49, »La Pera« (die Birne) genannt. 936,9 Meter lang, macht er im Berg eine Wendung um 180 Grad.

Cerocahui

Mission Cerocahui. Foto: Herdis Lüke

Weinanbau in Cerocahui

Weinanbau in Cerocahui. Foto: Herdis Lüke

Dieses Abenteuer hat die Menschheit einem Mann zu verdanken, der lange vor unserer Zeit – 1861 – eine Vision hatte: Der Amerikaner Albert Kinsey Owen. Von Topolobampo bei Los Mochis am Golf von Kalifornien wollte er eine Bahnlinie bis nach Kansas City bauen, die die bis dahin existierende Strecke von San Francisco nach Kansas um 400 Meilen verkürzen sollte. Owen bekam nur zwei Jahre später auch die Genehmigung der mexikanischen Regierung, dieses Mammutprojekt zu realisieren. Aber dann ging ihm das Geld aus und der Vertrag ging über an Foster Higgins von der Rio Grande-, Sierra Madre- und Pacific Railway Company.

Die letzte Etappe: Ein technisches Bravourstück

Higgins schaffte es, die Strecke von Ciudad Juárez an der Grenze zu Texas im Norden von Chihuahua bis nach Casas Grandes fertig zu stellen – dann ging auch ihm die Puste aus. Fast 40 Jahre vergingen, bis Enrique Creel von der Kansas City-, Mexico- and Orient Railway sich des Projekts wieder annahm und zwischen 1910 und 1914 die Strecke von Casas Grandes bis La Junta fortsetzte. In der Zeit begann Creel auch mit der Strecke von Ojinaga über Chihuahua nach der nach ihm benannten Station Creel im Herzen der Sierra Tarahumara. Aber die mexikanische Revolution beendete vorerst die ehrgeizigen Pläne. 1928 schließlich wurde der Streckenabschnitt Topolobambo-El Fuerte fertig gestellt. Aber erst 1940, fast 100 Jahre nach der zukunftsweisenden Idee des als Utopist und Träumer kritisierten Albert Kinsey Owen, ließ die mexikanische Regierung nach der Nationalisierung der Eisenbahnen die letzte große Lücke von El Fuerte nach Creel schließen – ein technisches Bravourstück und ein später Beweis dafür, dass Owen kein Utopist, sondern wirklich ein Visionär war.

Sierra Tarahumara

Am Divisadero in Chihuahua. Foto: Herdis Lüke

Divisadero

Hotel Posada Barrancas Mirador. Foto: Herdis Lüke

An der Station Divisadero, wo der Zug 15 Minuten Halt macht, damit die Touristen von hier einen ersten atemberaubenden Blick in die grandiose Canyon-Landschaft genießen können, stürmen Scharen zumeist junger Rarámuri-Frauen den Zug, fröhlich, lachend, schnatternd und zauberhaft anzusehen mit ihren bunten Röcken und Kopftüchern. Sie bieten den Passagieren ihre geflochtenen Körbe und kunstfertig gewebten Gürtel an, während ihre Männer, mit Cowboy-Hut auf dem Kopf und -Stiefeln an den Füßen, mit ihren Söhnen am Bahnsteig warten. Erst im September 2010 wurde hier die Seilbahn eröffnet, mit der man die Schlucht überqueren kann. Die Ausblicke sind spektakulär – erst recht für die Mutigen, die fast parallel zur Seilbahn an einer so genannten Zip-Line über die Schlucht gleiten.

Am späten Nachmittag erreicht der Zug Creel, das Zentrum der Sierra Tarahumara. Noch vor wenigen Jahren ein kleiner Ort mit ungeteerten Straßen, zeigt sich heute das Bild einer weitgehend modernen Stadt mit mehreren Hotels aller Preisklassen und Restaurants. Seit ein paar Jahren ist Creel über ein modernes Fernstraßennetz mit Chihuahua, Parral und Los Mochis verbunden – übrigens eine bei Fahrrad- und Motorradtouristen beliebte Gegend. Vierrädrige Motorbikes statt Pferde stehen am Straßenrand, Jeeps und Vans, mit denen die Touristen in die Dörfer und zu den Aussichtspunkten gefahren werden.

Chepe

Strecke Divisadero - Creel. Foto: Herdis Lüke

Raramuri mit Kind

Raramuri mit Kind in Divisadero. Foto: Herdis Lüke

Legendär: Die Silberstadt Batopilas

Legendrär ist Batopilas. Die einstige Silberstadt liegt in einer der tiefsten Schluchten. Schon die Fahrt ist ein einzigartiges Erlebnis. Die ersten 70 Kilometer geht es von Creel über eine fantastische ausgebaute Fernstraße durch die imposante Berglandschaft. An der Abzweigung nach Parral geht es dann über eine Schotterstraße ab nach Batopilas – über enge Kurven geht es in eine teilweise bizarre Landschaft. Mehr als 2000 Meter Höhenmunterschied überwindert die enge Schotterpirste, die spektakuläre Panoramen bietet.

Batopilas

Straße nach Batopilas- Foto: Herdis Lüke

Batopilas

Rathaus in Batopilas. Foto: Herdis Lüke

Beinahe wäre die einst so reiche Bergbaustadt zu einer Geisterstadt verfallen. Die Stadt liegt 460 Meter über dem Meeresspiegel am gleichnamigen Fluss und gilt wegen ihrer kolonialen Schönheit und ihrer üppigen Gärten und Plantagen als „Schatz der Sierra Madre“. Der Ort wurde 1708 gegründet, aber seine Bedeutung erlangte er erst im späten 18. Jahrhundert mit der Ausbeutung der Silberminen. Der Amerikaner Alexander R. Shepherd, einst Bürgermeister von Washington D.C., häufte hier immense Reichtümer an – seine Batopilas Mining Company war einst die größte der Welt. Heute sind nur noch Ruinen seiner Anlagen übrig.

In einem Husarenstück gelang es Pancho Villa und seinen Mannen, während der Revolution eine gigantische Ladung mit Silberbarren im Wert von damals unglaublichen 40 000 US-Dollar zu rauben. Shepherd bescherte der Stadt aber auch technologischen Fortschritt und ein abwechslungsreiches kulturelles Leben. Er starb 1902 und übertrug seine Minen einem seiner Söhne, der sie bis 1920 ausbeutete und dann aufgab. Andere haben danach vergeblich nach neuen Silberadern gesucht und Batopilas wurde vergessen. Heute sind es Touristen, die der Stadt wieder zu Ruhm und Wohlstand verhelfen.

Die Weiterfahrt im Zug von Creel nach Chihuahua ist landschaftlich nicht mehr ganz so spektakulär. Interessant ist die Gegend der Mormonen bei Cuauhtémoc, die Chihuahua blühende Agrarlandschaften mit Obstplantagen (u. a. Äpfel) und Getreide beschert haben.

Unsere Tipps für Stopps auf der Fahrt mit dem Chepe:

El Fuerte (1 Übernachtung)
Cerocahui (1 Übernachtung, Ausflug nach Urique)
Divisadero (1 Übernachtung, AUsflug zu den Raramuri-Dörfern))
Creel (2 Übernachtungen, Ausflüge nach Arareco)
Batopilas (2 Übernachtungen)

Über Herdis

Die deutsche Journalistin und Autorin Herdis Lüke hat Mexiko zu ihrer Wahlheimat gemacht. Das erste Mal lebte sie bereits von 1974 bis 1976 und von 1978 bis 1986 in Mexiko. Auch während ihrer 20 Jahre als Journalistin in Hamburg hat sie Mexiko immer wieder besucht und darüber geschrieben - als Autorin u. a. in den Mexiko-Travelnews. Seit 2006 lebt sie wieder permanent in Mexiko.