Bei den Monarchschmetterlingen in Michoacán

Von Herdis Lüke

Jedes Jahr findet im Herbst und Winter in Michoacán ein atemberaubendes Naturschauspiel statt: Millionen von Monarch-Schmetterlingen schwärmen hier Ende Oktober nach einer mehr als 4000 Kilometer langen Reise aus Kanada und den USA zur Paarung ein. Im April machen sich die Weibchen auf den Rückweg in den Norden. Die malerische Stadt Zitácuaro ist Ausgangspunkt unseres Ausflugs zum „Santuario de la Mariposa Monarca“. Das Biosphärenserservat des Monarchfalters gehört seit 2008 zum Weltnaturerbe der Unesco.

Monarchschmetterlinge kurz vorm Aufwachen. Foto: Christian Heeb

Monarchschmetterlinge kurz vorm Aufwachen. Foto: Christian Heeb

Es ist noch früh am morgen und ziemlich kühl in Zitácuaro, das mitten im 56 260 Hektar großen Biosphärenreservat des Monarchschmetterlings im zentralen Hochland von Mexiko im Bundesstaat Michoacán liegt. Die Straßen des malerischen Städtchens liegen noch verschlafen im Licht der gerade aufgehenden Sonne, als wir uns mit unserem Guide in einem Jeep auf den Weg zum über 3000 Meter hohen Cerro de la Campana machen. Das letzte Stück geht es zu Fuß weiter bergauf. Kaum durchdringt ein Sonnenstrahl den dichten Nadelwald. Wir sichten nur vereinzelt einen dieser wunderschön orange-schwarz-weiß gemaserten Falter und fragen uns, wo sich die Millionen von Schmetterlinge wohl versteckt haben.

Unser Guide zeigt schweigend auf lange, dunkle Klumpen, die überall an Ästen hängen. Fast sehen sie aus wie die langen Vogelnester, wie man sie im tropischen Urwald von Tabasco sieht. Plötzlich öffnen sich die Nester. Sobald ein Sonnenstrahl ein Nest erreicht, öffnet es sich und Schwärme von Faltern fliegen in den Himmel. Es werden immer mehr und mehr, der Himmel wimmelt von orangen- schwarzen Punkten. Der Anblick ist überwältigend!

Bauern hielten sie für Schädlinge

Es ist gerade mal 35 Jahre her, dass das Refugium der Monarchfalter überhaupt entdeckt wurde. 1976 hatte der kanadische Schmetterlingsforscher Fred Urquhart das Winterquartier in der majestätischen Sierra Madre entdeckt und damit für eine Sensation gesorgt. Bis dahin hatte man in ihren Revieren in Süd-Kanada und den USA natürlich immer bemerkt, dass sie plötzlich weg waren – aber wohin ihre Reise ging, war ein Rätsel. Die mexikanischen Bauern hielten sie sogar für Schädlinge und setzten Feuerwerfer gegen sie ein. Nach der Entdeckung reagierte die mexikanische Regierung schnell und stellte das Gebiet im November 2000 unter staatlichen Schutz. Es gibt nur wenige offiziell erlaubte Zugänge. Der Cerro de la Campana gehört zum Ejido – das ist eine Art Kooperative – El Rosario, deren Bewohner auch wirtschaftlich davon profitieren. Sie verdienen einen guten Teil ihres Einkommens durch touristische Dienstleistungen.

Monarchschmetterling in Michoacán. Foto: Christian Heeb

Monarchschmetterling in Michoacán. Foto: Christian Heeb

Landschaft im Biosphärenreservat. Foto: Christian Heeb

Landschaft im Biosphärenreservat. Foto: Christian Heeb

Inzwischen weiß man, dass sich die Falter auf ihrer langen Reise am UV-Licht orientieren. Neurobiologen haben festgestellt, dass sie über spezielle Rezeptoren verfügen. Das UV-Licht gibt ihnen auch das Signal zum Aufbruch. Sie fliegen in bis zu 2 500 Meter Höhe und lassen sich niemals vom Weg abringen. Im Sommer
legen sich die Schmetterlinge Fettpolster für ihre lange Reise an. Sie fliegen rund acht Stunden täglich mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 15 bis 45 Kilometern pro Stunde. Nachts schlafen sie in riesigen Gruppen auf Bäumen, die am Weg liegen.

Fasziniert lauschen wir den Erklärungen unseres Führers, während Tausende von Faltern ihre Flügel wärmen, bevor sie zu einem Rinnsal schwärmen und Wasser trinken – quasi ihr Frühstück. Der Boden verwandelt sich in einen Teppich aus Zehntausenden der bunten Falter – kaum wagt man einen Schritt zu gehen. Es bricht uns fast das Herz, als wir später tausende tote Falter am Boden sehen. Der Grund sind aber nicht wir. „Das Männchen stirbt nach der Paarung“, erklärt unser Guide.

Wir sind froh, dass wir uns so früh am Morgen auf den Weg gemacht haben. Im Laufe des Vormittags füllt sich der Wald mit Touristen und lärmenden Schulklassen. Da wird verständlich, warum der Zugang zum Biosphärenreservat so streng geregelt ist. Eigentlich ist auch die Dauer des Besuchs auf etwa 90 Minuten begrenzt. Aber kaum jemand hält sich daran. Illegale Reittouren und unerlaubtes Campen sind in dem riesigen Gebiet kaum kontrollierbar. Einige der Einheimischen lassen sich für ein paar Pesos gerne als Guide für solche Touren anheuern.

Aber nicht nur der Tourismus schadet dem einzigartigen Insekt. Illegale Abholzung und absichtliche Feuerrodungen, um Land zu gewinnen sowie Klimaveränderungen gefährden den Monarch-Schmetterling zusätzlich. Katastrophal war der Winter 2002, als eine Kaltfront das Gebiet heimsuchte und fast 90 Prozent der Falter-Population von schätzungsweise 37 Millionen vernichtete. Jedes Jahr im Februar findet das Festival des Monarch-Schmetterlings statt mit Vorträgen, Workshops und Ausstellungen in der gesamten Region.

Zitácuaro ist eine sehr hübsche Stadt und stolz auf ihre heldenhafte Geschichte. Drei Mal wurde sie niedergebrannt: Das erste Mal während des Unabhängigkeitskrieges (1810), dann im April 1855 von den Truppen des legendären Präsidenten Santa Ana und nach der französischen Intervention (1864-1867). Hier wurde auch die erste unabhängige Regierung Mexikos gegründet. Man darf sich deshalb nicht wundern, dass die Stadt von Monumenten geradezu strotzt. Die Geschichte Zitácuaros wird in einem wunderbaren Wandbild im Rathaus (Palacio Municipal) dargestellt.

Auch die Umgebung hat einiges zu bieten. Zum Beispiel San Felipe de los Alzati, ein von Otomí-Indianern bewohntes Dorf neun Kilometer nördlich von Zitácuaro. Sehenswert sind hier die Kirche San Felipe und die Capilla de la Candelaria sowie die archäologischen Stätte, die ein bedeutendes Zeremonienzentrum der Matlazinca-Indígenas war. Imposant sind auch die Grotten von Tziranda, die etwa zehn Kilometer von Ciudad Hidalgo über die Mex 15 zu erreichen sind. Die Höhlen mit ihren eigentümlichen illuminierten Formationen ist Heimat von 19 Fledermaus-Arten. Sehenswert sind auch die fossilen Blätter und Wurzeln. Die Grotten dienten Mexikos Unabhängiskeitshelden Pater Miguel Hidalgo als Versteck.

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Über Herdis

Die deutsche Journalistin und Autorin Herdis Lüke hat Mexiko zu ihrer Wahlheimat gemacht. Das erste Mal lebte sie bereits von 1974 bis 1976 und von 1978 bis 1986 in Mexiko. Auch während ihrer 20 Jahre als Journalistin in Hamburg hat sie Mexiko immer wieder besucht und darüber geschrieben - als Autorin u. a. in den Mexiko-Travelnews. Seit 2006 lebt sie wieder permanent in Mexiko.