Von Herdis Lüke
Wer einmal in San Cristóbal de las Casas war, wird immer wieder zurückkommen wollen – auch wenn man beim ersten Mal einen Kälteschock erleidet, wenn man im Auto aus dem tropisch-heißen Urwald oder dem Flachland anreist, denn San Cristóbal liegt in 2100 Metern Höhe in einem von Bergen umgebenen Hochtal, in dem zu jeder Jahreszeit regnen kann. Selbst nach einem Tag mit strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen ist es abends empfindlich kühl. Man sollte unbedingt warme Kleidung parat haben!
Gegründet von Diego de Mazariego, der sich ursprünglich am Usumacinta an der Stelle des heutigen Chiapa de Corzo niederlassen wollte, wo ihm aber das feucht-heiße Klima nicht behagte, ist San Cristóbal de las Casas die älteste spanische Siedlung in Chiapas. Bis ins 19. Jahrhundert hieß die Stadt Ciudad Real und war Hauptstadt des Bundesstaates, bis diese Funktion Tuxtla Gutiérrez übertragen wurde.
San Cristóbal de las Casas war Sitz aller religiösen Orden, die nach Chiapas kamen, und auch Sitz des von Jesuiten geführten Kollegiums San Francisco. Noch heute ist San Cristóbal de las Casas Sitz des Bischofs von Chiapas. Seinen Namen verdankt die Stadt dem ersten Bischof Bartolomé de las Casas, der sich für die Indios engagierte und sie vor Ausbeutung und Unterdrückung durch die Spanier beschützte.
Die Stadt ist nicht nur eine einzigartige koloniale Perle, die unterschiedliche Architekturstile vereint. Inzwischen ist der Kern der Altstadt überwiegend Fußgängerzone. Man kann hier wunderbar flanieren. Schöne Retaurants und Hotels liegen im Zentrum in den malerischen Gassen – ideal, um hier ein paar Tage einzuplanen.
Die malerische Stadt ist auch ein faszinierender Schmelztiegel der Kulturen, kommen hier doch die verschiedenen indigenen Stämme der Region, die das Ambiente in der Stadt prägen. Die Volksfeste, Zeremonien und Prozessionen versprechen immer ein besonderes Erlebnis. Sie verkaufen hier ihre landwirtschaftlichen Produkte und vor allem auch ihr Kunsthandwerk. Außerdem haben sie hier Zugang zu medizinischen Leistungen über das staatliche Krankenhaus (Hospital Regional), das für jeden offen ist – auch für ausländische Touristen. So as Interessante und Faszinierende an San Cristóbal ist das besondere Ambiente der Stadt, das vor allem auch von den indianischen Stämmen der Region geprägt wird.
Flache Ziegel gedeckte Häuser mit üppig bepflanzten Innenhöfen und Eckbalkons säumen die engen, malerischen Gassen. Die barocken Kirchen und Paläste zeugen vom Reichtum der Kirche im einstigen Mutterland Spanien und dessen Abgesandten. Auch der maurische Stil ist vielerorts unverkennbar. Das Kunsthandwerk ist vielseitig und farbenprächtig, das Essen wie überall in Mexiko abwechslungsreich. Im Zentrum am Zócalo (Hauptplatz) erhebt sich in strahlendem Gelb die Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert mit ihrer barocken Fassade. Sehenswert sind im Innern mehrere Barockaltäre, die mit kunstvollen Holzschnitzerein verzierte Kanzel sowie Gemälde und Skulpturen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, darunter auch ein von dem berühmten Maler Miguel Cabrera gemaltes Magdalenenbild.
Prachtvolle koloniale Architektur
Der wichtigste Sakralbau in San Cristóbal jedoch ist die Kirche Santo Domingo mit dem angeschlossenen ehemaligen Kloster. Erbaut im Auftrag des damaligen Bischofs Francisco de Marroquín von Guatemala zwischen 1547 und 1560, ist die Kirche mit ihrer barocken Fassade aus dem 17. Jahrhundert eine der größten ihrer Art in ganz Mexiko. Überwältigend ist das überreich dekorierte Innere des sakralen Baus mit ihren Skulpturen und mit Blattgold verzierten Altären. Die aus einem einzigen Block Holz geschnitzte und reich verzierte Kanzel gilt als eines der herausragendsten Beispiele des Barock in Lateinamerika.
Nicht weit von Santo Domingo liegt die Markthalle, wo die indianische Bevölkerung aus den umliegenden Gemeinden neben landwirtschaftlichen Produkten auch ihre kunsthandwerklichen Arbeiten feilbieten. Vor allem die farbenprächtigen Textilien sind unwiderstehlich. Wer San Cristóbal von früher kennt, wird den alten, großen Freiluftmarkt vermissen, der zum Leidwesen der Bevölkerung und der Touristen abgeschafft und stattdessen die wenig pittoreske Markthalle errichtet wurde. Dies war aber vor allem aus hygienischen Gründen notwendig geworden. Im ehemaligen Kloster – das im 19. Jahrhundert auch als Gefängnis diente – befindet sich heute das Kulturzentrum Los Altos, in dem eine indianische Kooperative ihr Kunsthandwerk fertigt und verkauft.
Auf keinen Fall sollte man sich das ethnologische und archäologische Museum Na Bolom, das aus der Tzotzil-Sprache übersetzt “Haus des Jaguars” bedeutet (spanisch “Casa del Jaguar”), entgehen lassen, das 1951 von dem dänischen Archäologen Frans Blom (gestorben 1963) und seiner Frau, der Fotografin Gertrudis Duby-Blom (gestorben 1993) gegründet wurde. Zu ihren Lebzeiten betrieben sie hier auch ein Gästehaus. In der Bibliothek sind 5 000 Manuskripte, Bücher und Karten sowie ein Foto-Archiv mit 50 000 Negativen zusammengefasst, die 50 Jahre der indigenen Geschichte von Chiapas, vor allem der Lakandonen-Indianer dokumentieren.
Das Museum ist gleichzeitig Treffpunkt für Kunsthandwerker, ökologisches Informationszentrum und zeigt außerdem Ausstellungen prähispanischer Maya-Kunst, Kunsthandwerk der Lakandonen, religiöse koloniale Kunst sowie Schmuck und Textilien. Veranstaltet werden zudem Konzerte, Workshops und Kurse über die Maya-Kultur. Wer sich eingehend über die Maya-Medizin informieren möchte, sollte unbedingt einen Abstecher ins Zentrum der Maya-Medizin machen.
Interessant ist auch die Kirche La Merced, die zwar während des Porfiriats Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts im neoklassizistischen Stil umgebaut wurde. Original erhalten ist jedoch die Sakristei. In einer ihrer Fenster ist eine Viper mit zwei Köpfen aus dem Jahr 1759 zu sehen. In dem dazugehörogen Kloster ist das Bernsteinmuseum untergebracht. Hier finden sich fantastische Steine, und wer will, kann sich hier auch sehr schönen Bernsteinschmuck kaufen. Auf die Besucher warten zahlreiche, zauberhafte und romantische Hotels und ausgezeichnete Restaurants. Ob man sich abends nach dem Essen in einem der vielen, anheimelnden Restaurants im Hotel vor dem Kamin trifft und sich verplaudert oder in einer der witzigen Bars oder Discos abhängt: In San Cristóbal ist es unmöglich, sich zu langweilen.
San Cristóbal ist eine Stadt, die aber auch nachdenklich stimmt: Die Zapatisten, die in der Nacht zum 1. Januar 1994 die Stadt besetzten und sich gegen die Armut und Diskriminierung der indianischen Urbevölkerung erhoben hatten, haben sichtbare Spuren hinterlassen. Hier ein Plakat, dort ein Graffiti, mit dem Anhänger ihre Solidarität bekunden. Auch heute spielt das Bischofstum eine wichtige Rolle bei der Vermittlung zwischen den Zapatisten und der Regierung. An der Armut vor allem der indigenen Bevölkerung hat sich bisher nicht viel geändert. Problematisch ist häufig aber auch ihre geringe Bereitschaft, aktiv etwas für die Verbesserung ihrer Lage zu unternehmen, zum Beispiel an Programmen zur Hilfe zur Selbsthilfe teilzunehmen.
Artikelfoto: Jürgen Böhning








